Hanno Rauterberg, zuständig für Bildende Kunst & Architektur in DIE ZEIT, hat in deren Ausgabe vom 5. August unter „Schluss mit dem Gewisper“ über unkritische Kritiker geklagt, die der Kunst schaden. Logisch, dass ich mich als Gelegenheitskritiker seinen Ausführungen nicht entziehen konnte. Er zitiert eine amerikanische Untersuchung, nach der sich die meisten Kritiker vor allem den Künstlern und Kunstinstitutionen verpflichtet fühlen und weniger dem „Betrachter“. „Ohne Kritik gibt es keine Kunst – und umgekehrt“, klagt Rauterberg, wobei ich allem nach dem Bindestrich bedenkenlos zustimme. Und dann beklagt er ziemlich lange das Fehlen einer entsprechenden Ausbildungsstätte, etwa einer Akademie für Kunstkritik. In einer solchen Akademie könnten die Kritikeradepten ihr journalistisches, kunsthistorisches und ethisches Instrumentarium schulen, wodurch mehr (kritische) Transparenz, stärkeres (kritisches) Selbstbewusstsein und größere (kritische) Unabhängigkeit entstünde. Eine Kritik der Kritik würde am Ende die Kunst selbst beleben. Aber wie heißt es doch so schön? Der Zeit ihre Kunst, der Kunstkritik ihre Freiheitszwänge … oder so ähnlich. Abgesehen davon, dass unsere Gesellschaft ohnehin schon über viel zu viele merkwürdige Ausbildungsstätten verfügt: Neue Chancen auf ein Fortkommen innerhalb eines akademischen Kritikerbetriebes würde die Kritiker kaum schneidiger machen.
In einer älteren Ausgabe des „Zentralorgans für orientierungslose Intellektuelle“ (DIE ZEIT, 14. Mai 2009) favorisiert Rauterberg dagegen ganz das Gegenteil. Unter dem Titel „Baut auf den Prinzen“ wünscht er sich Architekturkritiker, die, ähnlich wie Prinz Charles von Wales, entschiedene Attacken gegen „die seelenlosen Scheußlichkeiten unserer Städte“ reiten. Und dem adeligen Herrenreiter kann gewiss nicht nachgesagt werden, dass er eine Ausbildungsstätte für Architektur besucht hätte.
Kritiker, das ist einer, der es besser kann. Oder ist Kritiker einer, der es eigentlich gar nicht kann? Jedenfalls ist Kritiker einer, der vorgibt, es besser zu wissen, sonst wüsste ja keiner, dass ein Kritiker spricht. Und nach meinen Erfahrungen ist zumindest die Kritik der Künstler an Kollegen, die Kritik der Architekten an Bauten von anderen von wütender Schärfe, hinter vorgehaltener Hand geradezu todesmutig und keineswegs seltener geworden.
Von einem befreundeten Kunstmanager habe ich das Konzept der „kritischen Masse“ erklärt bekommen. Kunstveranstaltungen und die dazugehörige Kunst
benötigen eine „kritische Masse“ als Conditio sine qua non für ihre Qualität. Je größer die „kritische Masse“, also die Kunst plus die begleitenden Werbe- und Marketingmaßnahmen sind, desto kritikresistenter ist die Veranstaltung. Mit der „kritischen Masse“ wird die Autoisolierung vor kritischer Beschädigung für die Kunst bzw. Kunstveranstaltung gleichsam mitgeliefert.
Die Architekturkritik ist da ein Sonderfall. Erstens, weil die eingesetzte „kritische Masse“ im Vergleich zu anderen Kunstproduktionen immer beträchtlich, gelegentlich sogar enorm ist. Zweitens, weil in der Architektur – ähnlich wie im Film – viele Künste und Fertigkeiten zusammenkommen (müssen). Eine unwillige Bauaufsicht oder ein besoffener Polier (falls die heutzutage überhaupt noch trinken) kann das Architekturkunstwerk schwer beschädigen oder gar zunichte machen. Und drittens hat das Publikum – anders als bei Filmen, Büchern oder Ausstellungen – häufig keine Chance, der Architektur – also der Kunst – zu entkommen. Was im Grazer Kunsthaus ausgestellt wird, kann ich ignorieren (das ist jetzt keine Kritik). Aber der Anblick des Kunsthauses ist bei einem Gang über die Hauptbrücke unvermeidlich. Es sei denn, es klappert einer mit dem weißen Stock das Brückengeländer entlang.
Es drängt sich der Verdacht auf, dass sich in Hinblick auf das Unvermeidliche (Architektur, Gott, Politik, Frauen oder Fußball) praktisch jeder für einen kompetenten Kritiker hält. Umgekehrt verwahren sich gerade die Urheber dieser Unvermeidlichkeiten häufig und entschieden gegen die Kritik von – ihrer Meinung nach – inkompetenten Außenseitern. Fundamentaltheologen diskutieren ungern Gottesbeweise mit Laien, Architekten verteidigen einen Kollegen mit der gleichen Intensität, die sie gerade für die kritische Vernichtung von dessen Bauwerk aufgewendet haben.
Hanno Rauterbach beklagt also einerseits das sinkende Niveau der Kritik. Andererseits hält er aber dem blaublütigen Laienkritiker, der wegen seiner konservativen Bauästhetik (Charles hätte gern, dass jede Fish & Chips-Bude ausschaut wie der Buckingham-Palast) von der Architektengemeinde schwer attackiert wird, die Stange.
Seien wir uns doch ehrlich – Kunstkritik, Architekturkritik, da sind letzte Begründungen doch so flimmerig wie eine Fata Morgana. Es existiert aber noch ein anderer, kritischer Ansatz. Das Besondere an Architektur ist jedenfalls ihre dreidimensionale Erfahrbarkeit durch andere dreidimensionale Körper (die Architekturbenützer). Lässt sich diese Erfahrbarkeit, zusätzlich zu den visuellen und anderen Erfahrungen, nicht dem architekturkritischen Instrumentarium beifügen?
Als ein Praktiker der Theorie demonstriere ich diese „dreidimensionale Erfahrbarkeit“ anlässlich des Konzerts von Leonard Cohen in der von Klaus Kada konzipierten Grazer Stadthalle. Das überdimensionierte Vordach schützt auf das Angenehmste vor der Spätnachmittagssonne. Das Foyer ist angemessen groß zum Flanieren und gleichzeitig nicht ungemütlich. Die von zwei Seiten begehbaren Toilettenanlagen im Untergeschoß so praktisch wie großzügig. Dass man außen nicht um die Halle herumgehen kann, ist für die „dreidimensionale Erfahrbarkeit“ nicht so gut, wird aber möglicherweise den Grund darin haben, den angrenzenden alten Bau gleich als Backstagebereich verwenden zu können. Die Halle selbst ist großartig, vor allem im Vergleich mit dem rauen, akustischen Charme der Liebenauer Eishalle. Aber dann nehme ich auf Sitz 15, Reihe 9, in Sektor 3 Platz, um mich nach 23 Sekunden nur noch meinen ungeheuren Kreuzschmerzen zuzuwenden. Und mit mir zeitgleich 1429 andere Besucher. Mein lieber Klaus Kada! Hast Du die Folterstühle selber getestet? Oder sind sie Dir aus Kostengründen aufs Auge gedrückt worden? Ein schwerer Fehler, der durch den Einsatz der „dreidimensionalen Erfahrbarkeit“ leicht hätte vermieden werden können. Vielleicht doch noch Hanno Rauterberg und Prinz Charles zu einer letzten, klärenden Sitzprobe bzw. Architekturkritik einladen?
- Verfasser/in:
- Wilhelm Hengstler, Kommentar
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