"Architecture serve society!"

Jacob van Rijs von MVRDV zu Gast in Graz.

08/02/2010

Jacob van Rijs von MVRDV zu Gast in Graz.

Eine Ansammlung kleiner Häuschen mit Satteldach, die irgendwie ungewöhnlich, irgendwie modern aussehen? Eine Vielzahl bunter Farben, scheinbar beliebig aneinandergereiht? Das kann nur MVRDV sein.

In den erfrischend farben- und formenfrohen Projekten des, 1991 von Winny Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries gegründeten Architekturbüros steckt aber viel mehr. Einige der zentralen Thesen und Fragen präsentierte Jacob van Rijs im Laufe des, gemeinsam von HDA und Xenon Architectural Lighting (XAL) veranstalteten Vortrags am 29. Jänner den zahlreich erschienenen Architekturinteressierten. Die niederländischen Architekten verstehen Raum als zu gestaltendes Material und ihre eigene Rolle als der Gesellschaft dienende. Die Aufgabe von Architekten ist es nicht, sich selbst als Künstler zu verwirklichen, sondern Tendenzen in der Gesellschaft zu erkennen und auf sie zu reagieren.

Eine Entwicklung, mit der sich MVRDV seit ihren ersten Projekten beschäftigen, ist Customization, das personalisierte Bauen. Als Individuum definiert sich der Mensch durch seine Differenz zu den anderen. Er möchte sich von der Masse abheben, sei es durch ein auffälliges Handycover, im Internet individuell gestaltete Schuhe oder eben durch das eigene Zuhause. Das 1997 realisierte Altenheim WoZoCo in Amsterdam zeichnet sich unter anderem durch die in individuellen Farben gestalteten Balkone aus, die den Bewohnern eine einfache Identifikation mit ihrer Wohnung ermöglichen und gleichzeitig doch identisch sind, was Voraussetzung für die finanzielle Umsetzbarkeit ist.

In Weiterführung dieser Idee entwickelten MVRDV für das Projekt Silodam in Amsterdam verschiedene, zu Mininachbarschaften kombinierte Wohnungstypologien oder, wie beim Barcode Haus in München, vom Bewohner zu Wohnungen kombinierbare Funktionseinheiten, die sich durch unterschiedliches Material an der Fassade abzeichnen.

Dem, mit der zunehmenden Unsicherheit und Kurzlebigkeit einhergehenden, Retrotrend begegnen MVRDV mit der intensiven Beschäftigung mit dem Archetypus des Hauses: einem einfachen Volumen mit rechteckigem Grundriss und Satteldach. Sowohl in städtebaulichen Planungen als auch bei Solitärobjekten finden sich solche abstrahierten Hausformen wieder, meist ohne Dachüberstand und mit demselben Oberflächenmaterial an Wänden und Dach. Bei dem Dachausbau Didden Village in Rotterdam kombinierten die Architekten drei abstrakte Hausvolumen zu einem kleinen Dorf auf der obersten Geschossdecke des Bestandobjekts. Jedes Haus beherbergt einen Raum für je ein Familienmitglied und wird separat aus dem darunterliegenden Wohnraum über eine Wendeltreppe erschlossen. Am Dach entstehen zwischen den Volumina Freibereiche, die durch die alles überziehende himmelblaue Farbe einen außergewöhnlichen, fast surrealen Charakter erhalten.

In den städtebaulichen Entwürfen von MVRDV spielt die Verdichtung eine zentrale Rolle. Aus ökologischen Gründen, aber auch als konstitutiver Faktor der urbanen Gesellschaft. In den Niederlanden beschäftigen sie sich in einer Reihe von Projekten mit der Stadt Almere, die, nur zehn Kilometer Luftlinie von Amsterdam entfernt, jedoch durch eine Bucht getrennt, mehr einer suburbanen Agglomeration ohne eigenes Gesicht denn einer „echten Stadt" gleicht. Diesem Umstand versuchen MVDRV durch die Schaffung verschieden dichter, multifunktionaler Stadträume zu begegnen. Die umfangreichen Planungen, bei denen das Büro neben eigenen Entwürfen auch als Koordinator für andere Architekten fungiert, reichen bis ins Jahr 2030.

In Asien, wo sich MVRDV verstärkt engagieren, sehen sich die Architekten mit ähnlichen Problemstellungen, jedoch in ungleich größerem Maßstab konfrontiert. Um den Verbrauch an Landfläche zu minimieren, schlagen MVRDV hier hochverdichtete, CO2- und ernährungsautarke Städte vor. Dass die, China Hills genannten Visionen formal eben solchen Bergen ähneln, kann als Ausdruck dieses ambitionierten, aber angesichts der ökologischen Entwicklungen logischen, wenn nicht sogar notwendigen Ansatzes verstanden werden.

Der sparsame Umgang mit Fläche spielt sowohl bei den mehrfach publizierten, aufgestellten und gestreckten Blockbebauungen in Madrid als auch bei dem Projekt Eco-City Montecorvo bei Logrono eine wichtige Rolle. Auf den Berghängen in der Rioja-Gegend wird, anstelle von edlem Rotwein, Energie produziert. Über die Hänge schlängelt sich zwischen den Windrädern auf den Kuppen und den Solaranlagen ein zweieinhalb Kilometer langes Band, bestehend aus zwei Reihen Wohnbauten mit bis zu zehn Geschossen. Die kompakte Bauweise reduziert sowohl den Einfluss auf die Landschaft als auch die Baukosten.

Dichte gepaart mit funktionaler Durchmischung demonstriert die in Bau befindliche neue Markthalle in Rotterdam. Das umgedrehte U, das den Markt überspannt, beherbergt 250 Wohnungen in zentraler Lage.

Auch wenn einige der Projekte, die Jacob van Rijs an diesem Abend präsentiert hat, wohl nie realisiert werden, dienen sie doch als Denkanstoß für weitere Entwicklungen. Auf ihre eigene, humorvolle und optimistische Art thematisieren MVRDV die Frage, was der Beitrag von Architektur zur Entwicklung der Gesellschaft in unserer schnelllebigen und komplexen Gegenwart sein kann. Nur schöne oder lustige Häuser zu bauen, um der Welt zu entfliehen, reicht dafür sicher nicht aus, meint Jacob van Rijs. Uns hat er überzeugt.

Verfasser/in:
Martin Grabner, Nachlese

Weiterführende Links

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"Didden Village" in Rotterdam, von MVRDV. Fotoquelle: www.todayandtomorrow.net
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Jacob van Rijs, MVRDV, Rotterdam. Foto: Rob’t Hart
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Eco-City Montecorvo bei Logrono, Planung/Visualisierung: MVRDV
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Markthalle in Rotterdam, Planung: MVRDV. Fotoquelle: www.cireview.de

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