Sonnige Wintertage - ein Geschenk. Noch dazu zwischen den Weihnachtsfeiertagen, zu einer Zeit, wo sich das Zeitmaß entschleunigt und ein Tun erlaubt, das im hektischen Berufsalltag sonst „nicht drinnen“ ist. Flanieren etwa, ziellos umhergehen, höchstens der Sonne nach. Die zeigt sich nicht nur milde, sondern an solchen Nachmittagen deutlich länger. Wo?
Am Grazer Schlossberg. Also nichts wie hinauf, auf dem vom Zentrum kürzesten Fußweg, der Stiege. Die zeigt sich, im wahren Sinn des Wortes, schon am Treppenansatz verschlossen - mit einem eilig bei ersten Vorboten eines hereinbrechenden Winters montierten Tor. Dieses teilt die Legionen von sich nähernden Sonnenhungrigen in zwei Gruppen; in jene der noch Mobilen, die sich von einer Tafel, die das Begehen des (vormaligen) Kriegssteigs im Winter verbietet, nie und nimmer abhalten lassen und das Hindernis bedenkenlos überklettern und jene der älteren, nicht mehr so wendigen Bürger oder Touristen, die frustriert umkehren oder unwillig den Lift nehmen. Der Weg ist frei, die Stufen sind uneingeschränkt begehbar, der Groll verblasst und man freut sich - die wärmende Westsonne auf den Wangen - den beamteten Verbotsfanatikern ein Schnippchen geschlagen zu haben. Bis man am oberen Tor zum Uhrturmplateau endgültig scheitert. Dieses ist mannshoch und unüberwindbar. Der Schlossbergkenner findet andere Wege. Er lässt sich, im Gegensatz zu vielen Touristen, die den Abstieg antreten, nicht von seinem Vorhaben abbringen.
Was bleibt, ist ein Gefühl der Bevormundung und Ärger darüber. Warum überlässt man nicht dem Einzelnen die Entscheidung, ob er sich diesen Weg über viele Stufen im Winter zutraut, ob er Schuhwerk und Gehvermögen für ausreichend hält?
Und komme mir niemand damit, dass das Ganze ein Haftungsproblem sei. Ein Hinweis darauf, dass dieser Weg im Winter nicht gewartet wird und das Begehen auf eigene Gefahr erfolgt, entlässt die zuständige Stelle, ob Stadtgartenamt oder Straßen- und Brückenbauamt, aus der Verantwortung. Wieviele öffentliche Spazierwege, Waldpfade und Wanderrouten im Grazer Naherholungsgebiet müssten sonst im Winter gesperrt sein. (Wer den Weg vom Rosenberggürtel durch den Wald auf den Rosenhain nehmen will, weiß, was ihn erwartet, und rüstet sich dementsprechend – oder lässt es sein.)
Ganz Venedig müsste fallweise gesperrt werden, dächten die venezianischen Beamten ähnlich borniert wie die zuständigen Stellen in Graz. Dort verwandeln sich Straßen und Pflaster (und erst die bemoosten Stufen hinunter zum Wasser der Kanäle) bei Nieselregen in wahre Rutschbahnen. Ach, welch ein Erlebnis ist Venedig dann!
P.S: Fast nicht zu denken und schon gar nicht zu verlangen wagt der Bürger, dass dieser beliebte Weg auf den Schlossberg im Winter geräumt und gepflegt werde wie in vielen Jahren davor. Man weiß es und hört es: Die Stadt hat kein Geld ....
- Verfasser/in:
- Karin Tschavgova