Die "Casa del Popolo" - altmodisch, aber keineswegs überflüssig. Eine Institution, die sich jeglichem kommerziellen Streben entzieht.
Die "Casa del Popolo" (weiblich, weil "la") ist ein konspirativer Ort, an dem Brandreden gehalten wurden und Widerstand organisiert. Du findest sie in jedem noch so kleinen italienischen Kaff, sie sind ein Fixpunkt, der Kommune einverleibt und selbstverständlich wie die "Festa dell' Unitá" der KPI (Kommunistische Partei Italiens), die keineswegs ein sommerliches Parteitreffen ist.
An hitzeträgen Sonntagnachmittagen herrscht in der Casa del Popolo Hochbetrieb, auch wenn heute keine Revolutionen mehr angezettelt werden (und doch, wer weiß, was mit Berlusconi noch alles zu erwarten ist). Als Ort des geselligen Zusammentreffens erfüllt sie noch immer eine wichtige Rolle in der dörflichen Soziostruktur. Nicht für die Jungen, die mit ihren Motoguzzi mobil und nicht an die Grenzen dörflichen Lebens gebunden sind, aber für die Alten, deren Mobilität ebenso eingeschränkt ist wie ihre Kaufkraft. Sie, überwiegend Männer, finden dort Ansprache, Tratsch, Diskussionspartner, Kartenspieler und Trinkkumpane. Kein Türsteher, kein Eintrittspreis, kein Garderoben- und kein Konsumzwang. Man mag ideologischen Zurufen ausgesetzt sein, nie aber kommerzieller Gewinnmaximierungsabsichten.Dies ist ein Plädoyer für (witterungsgeschützte) Orte zur (konsum-)zwanglosen Benützung, wie sie in unseren Städten kaum mehr zu finden sind.
Es war im Herbst 2003. Graz war als Kulturhauptstadt "gerüstet" und schon dick gemästet. Die Innenstadt wies die höchste Lokaldichte Europas auf - ein Lokal auf 20 Innenstadtbewohner, behauptete einer.
Und doch: ich erinnere mich genau an eine mühsame tagelange telefonische Suche nach einem Ort, wo eine Schulklasse aus Semriach - Achtjährige, mit dem Zug zu früh eintreffend - die Wartezeit bis zur Öffnung des Kunsthauses bei Schlechtwetter verbringen hätte können. Das Kunsthaus war Treffpunkt und Beginn einer Grazführung, die den Schülern die Bauten der Kulturhauptstadt näher bringen sollte. Hätten die Kinder konsumiert, wäre die Herbergssuche einfach gewesen. Doch das wollten/konnten die, oder ihre Lehrerin, aber nicht, sie hatten ihre Jause dabei und waren daher keine lukrativen Kunden. McDonald's am Bahnhof fiel deshalb aus, auch das Cafè Thienfeld, das nicht bereit war, früher aufzusperren. Wieso auch? Bei GrazTourismus war man ratlos, bemühte sich aber immerhin um eine Lösung, empfahl eine Kantine in der Burg und die dafür notwendige Anfrage im Büro der Frau Landeshauptmann. Oder alternativ eine Anfrage beim ÖGB am Südtirolerplatz. Zwei, drei Telefonate und es klappte: ein freundlicher Portier bekam den Auftrag, zu besagtem Termin einen Saal in der nahen Dependance aufzusperren und den Kids je ein Getränk zu offerieren!
Diese schöne Geste war aber der Goodwill einer Organisation, deren Aufgaben andere sind, als öffentlich zugängliche Räume für jedermann/frau im Stadtgefüge zur Verfügung zu stellen, in denen kein Konsumzwang besteht.
La Casa del Popolo. Eine solche einzurichten sollte zu den sozialen Aufgaben einer Stadtverwaltung zählen. Auf Lorbeer kann verzichtet werden.
- Verfasser/in:
- Karin Tschavgova