anGedacht 024

...anGedacht 024: "Thalia neu oder: das Opernhaus bekommt einen Flakturm zur Seite gestellt und der Aufschrei bleibt aus." Eine Opera buffa in mehreren Akten.

26/07/2004

"Thalia neu oder: das Opernhaus bekommt einen Flakturm *) zur Seite gestellt und der Aufschrei bleibt aus." Eine Opera buffa in mehreren Akten.

Die Geschichte neigt zu Vereinfachungen und in der Folge zu Polarisierungen. Recht und Unrecht, feinsäuberlich auseinander dividiert. Hier gut, da böse. Die Rollen werden klar verteilt – in der Geschichte wie in der Oper.Die handelnden Personen des Stückes „Thalia“:

DIE STADT GRAZ. Sie will die Thalia, ein sie belastendes Objekt, das sie zu spät und überteuert gekauft hat, wieder loswerden und dabei noch profitieren.

DER INVESTOR betritt die Bühne – die Hauptbühne, nicht die erwünschte Probebühne. Die will man von ihm erst errichtet haben.

Wenn der Investor auf die Bedingungen der Verkäuferin eingehen soll, muss er die maximale Dichte ausschöpfen können, denn schließlich muss sein Unternehmen profitabel sein. Das kann er nur, wenn er in sein Projekt packt, was hineingeht. Also, dichte Packung: eine unterirdische Shopping mall, ein Café, ein Restaurant, ein Hotel, Konferenzräume und Büroflächen. Mit der luxuriösen Probebühne, die in der geforderten Höhe in ganz Österreich nichts Vergleichbares findet, entsteht Kubatur – en masse, sozusagen.

Die Verkäuferin schweigt dazu, schließlich ist man handelseins geworden.

DER LANDESKONSERVATOR, sonst immer dezent im Hintergrund, ruft: „Denkmalschutz für die Thalia!“

„Wird erfüllt“, antworten Investor und Planer im Duett, „wir entfernen keinen Stein.“

Dass Wert und Bedeutung eines solitären Denkmals geringer werden, wenn es hemmungslos um- und überbaut wird, ist schwer zu erklären und ebenso schwer zu verstehen. Selbst für den obersten Denkmalstrizzi aus Wien, der auf der Bühne gar nicht in Erscheinung tritt, aber aus dem Off einen für den Verlauf der Handlung einen folgenschweren, weil positiven Bescheid erlässt.

DER CHOR tritt auf. Mit geeinter Stimme rufen die zahlreichen Gegner des Projekts, vertreten durch die Altstadtsachverständigenkommission, den Weltkulturerbe-Vertretern ICOMOS zu Hilfe. Dieser, in sonorem Bass, spricht ein Machtwort und droht mit der Aberkennung des Ehrentitels.

Da erzittern die Stadtväter merklich. Eine solche Schmach kann eine Touristenstadt wie Graz nicht riskieren. Man zeigt also good will und verhandelt nochmals mit dem Investor. Dieser gibt sich konziliant, will er doch nicht auf die Rolle des Bösen festgelegt werden. Sein willfähriger Adlatus, der endlich bauen will, modifiziert das Projekt ein wenig und reduziert die Baumassen minimal.

Einer Realisierung steht nicht mehr im Wege. Ein glückliches Ende?

Nun, der letzte Akt ist noch nicht aufgeführt, der Ausgang jedoch vorhersehbar, seit man einen ersten Teilabschnitt des Baues in seiner vollen Größe sehen kann. Die Probebühne im Rohbau erinnert an die Flaktürme. Mächtig wächst sie aus dem ehemaligen Kulissendepot, an das noch Giebelverzierungen – nun als sinnlose Applikationen – erinnern.

Die Oper zur Linken wird dieser Bau in Höhe und Volumen zur Konkurrenz. Was der Planer flugs „entschärft“, indem er die Ecken des Betonkastens abrundet, gleich denen der Oper von Hellmer & Fellner. Nennt man das Feinabstimmung?

Fragen sei erlaubt.

Was wäre erst entstanden, wenn das Projekt nicht aufgrund des allgemeinen Druckes abgespeckt worden wäre? Wie wird das Ganze erst ausschauen, wenn sich das geplante Hotel breitbeinig auf die Thalia hockt? Wie, wenn das Betreiberkonzept nicht aufgeht und die Laden leer bleiben?

Große Oper wird das nicht. Auch kein Lustspiel. Schon eher eine Posse.

Fortsetzung folgt.

*)Bobby Henzler bezeichnet den Rohbau der neuen Probebühne, errichtet im Zuge des heftig umstrittenen Thalia-Umbaues, in ihrem Artikel "Zum Schutz des Weltkulturerbes" als "Flakturm" (erschienen am 26.03.2004 in GAT).

Verfasser/in:
Karin Tschavgova
rflak_01titel.jpg
flak_04_0.jpg
Blick von der Kreuzung Gleisdorfergasse / Girardigasse
flak_03_0.jpg
Blick von der Grazer Oper

Artikelempfehlungen der Redaktion