Gestern wurde Günther Domenig siebzig. Ein Anlass zu Würdigungen in Funk und Fernsehen, zu ausführlichen Beiträgen in den Printmedien und zur Verleihung des Verdienstkreuzes für Wissenschaft und Kunst (Erster Klasse) der Republik durch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Gebetsmühlenartig, wie üblich, wurden in allen Würdigungen dieselben Floskeln und in ihrer Bedeutung ähnliche Metaphern formuliert, um Person und Werk Domenigs zu charakterisieren. Er ist „der stets Streitbare“, "der Unbequeme", „der Widerständige“, „der Eigenständige“, „Künstlerarchitekt“ und das „Raubein“. Seine Bauten sind meist „skulptural“ , sie „schweben, fliegen, durchdringen, zerfetzen“, sind ein „Speer“, ein “Pfahl“, ein „“Flügel“, neuerdings ein Tomahawk (O-Ton Domenig).
An seiner eigenen Legendenbildung hat Domenig, der Unangepasste, auch kräftig mitgeschrieben. Das weniger durch gekonnte Selbstinszenierung oder eigene Einschreibung seines Werkes in einen (bau-)kunsthistorischen Kontext als durch polternde Auftritte und ruppige Bemerkungen. Wer will, kann hinter ungeschickter Rhetorik und schonungsloser Offenheit Unsicherheit auf dem glatten Parkett der Künstler-/Architekteneitelkeiten oder auch bedingungslose Ehrlichkeit, Kompromisslosigkeit und den Willen zum aufrechten Gang erkennen.
Seine Bauherren scheinen ihm den Mangel an Höflichkeit nie übel genommen zu haben. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass Domenig je einen Auftrag deswegen verloren hat oder im Streit geschieden ist.
Nimmt man auch, wenn man mit ihm zu tun hat, seine brachiale Sprache nicht mehr wörtlich, so anerkennt anscheinend jeder Domenigs uneingeschränkten Einsatz für architektonische Qualität, für Architektur als herausragende, gekonnte Meisterleistung, seine Hingabe für das Bauen als Baukunst.
Domenig ist das Gegenteil eines kompromisslerischen Streichelfaserweichzeichners. Er ist nicht bequem, jedoch glaubhaft. Das scheinen seine Auftraggeber zu schätzen – das aktuelle Auftragsvolumen des Büros bestätigt diese Annahme.
Die Architektur braucht Leute wie Domenig heute, in Zeiten eines nur ökonomiezentrierten Neoliberalismus, mehr denn je. Nicht nur deswegen wünscht GAT dem Jubilar noch viele gute, produktive Jahre.
Herzlich, Karin Tschavgova.
Ö1 "Diagonal" zur Person Günther Domenig. CD, MC erhältlich unter 01/50170-374 oder unter: audioservice@orf.at
- Verfasser/in:
- Karin Tschavgova
