anGedacht 006

Die neue wöchentliche Kolumne am Mittwoch stellt aktuelle Themen mit Steiermarkbezug zur Diskussion und regt lose Gedankenflüge zur Architektur an...anGedacht 006 "Sehr

24/03/2004

Sehr geehrter Wojciech Czaja,

in Ihrem Architekturbeitrag im Spectrum (Die Presse) des letzten Wochenendes haben Sie – wirklich spritzig – die Kopflastigkeit der Architekturdisziplin und der Architekturrezeption beklagt. Sie wünschen sich Lachen und Weinen, begeistertes Hüpfen (ach, wenn es nur mehr Anlässe dazu gäbe, ich wäre dabei), lassen unter lustvollem Herangehen an die Materie auch das Poetische gelten und zitieren die an der TU Wien lehrende französische Architektin Francoise-Hélène Jourda, die seufzend erhofft: "Wenn wir es nur schaffen würden, zu Spaß und Freude zurückzukehren!" (zurückzukehren?) Zugleich stellen Sie fest und zitieren dabei aus einer Abhandlung - Achtung, Theorie! - von 1925, dass es weder komische noch tragische Architektur gibt.

Letzeres möchte ich vorweg einmal bestreiten. Wie oft stehen wir vor der tragischen Größe des Scheiterns, einem gebauten Monument der Tragik eines Gescheiterten. Auch komisch, finde ich, kann Architektur sein – allerdings ist sie das fast immer unfreiwillig.

Ihre Frage: "Aber gibt es emotionale Architektur?" würde ich in Auslegung des Wortes Emotion als Gemütsbewegung sofort mit "Ja" beantworten. Jede Architektur, kommt sie auch noch so streng, kühl, steril und scheinbar emotionslos daher, ist Gefühls-Ausdruck ihres Kreateurs.

Ich persönlich - soll ich es wagen, das laut zu sagen? - bewerte auch Sinnlichkeit bei der Betrachtung von Architektur. Manchmal, ich gestehe, wende ich das Kriterium der Sinnlichkeit auch bei der Beurteilung der Herren der Schöpfung an: Rollkragenpullover tragende Kurzhälse oder Oberlippenbärtchen verzierte Architekten, die mit Boss und Kenzo lässiges Understatement zur Schau tragen wollen und doch nur wie Primaner im steifen "Vatermörder" wirken, kommen bei mir schlecht weg. So bauchlastig und anmaßend bin ich manchmal.

Während Sie zu keinem rechten Schluss ob der Frage nach der Emotionalität der Architektur kommen und etwas ratlos mit einem Zitat enden, das dem Architekten die Sensibilität des Dichters gegenüberstellt und der Architektur „Mangel am Extrem der Melancholie, der Tragik, aber auch der Ekstase“ konstatiert, möchte ich Ihnen - oder uns - zurufen:

Beginnen wir doch damit, lustvoll und mit Spaß – also meinetwegen vor Begeisterung hüpfend, ekstatisch, melancholisch oder poetisch – auf jeden Fall e m o t i o n a l, über Architektur und ihre Qualität zu diskutieren! (persönliche Beleidigungen ausgenommen)

Lassen wir als Architekten und Architekturkritiker aufgesetzte, allzu abgehobene Theoreme einmal weg, auch Schematismus und Zeitgeistigkeit, jeden Lobbyismus, perfide Über-Empfindlichkeit und die Attitude persönlicher Gekränktheit und – streiten wir wieder, nach Herzenslust ! Wer weiß, ob nicht à la longue Streitkultur zu Baukultur führt – lustvoll, versteht sich.

Verfasser/in:
Karin Tschavgova

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