Kulturbeirat und/oder Beiratskult
Zugegeben, es ist eine kleine journalistische List, sich unwissender zu geben, als man ist und sich in seiner Argumentation an offiziell Verlautbartes zu halten - akkurat, aber scheinbar etwas blauäugig. Damit widersteht man einerseits allen Verlockungen, coram publico Spekulationen über Informationen anzustellen, die einem hinter vorgehaltener Hand zugetragen werden (womit man sich immer aufs Glatteis begibt) und provoziert andererseits nicht selten Stellungnahmen derjenigen Akteure, deren Motive und Absichten der Anlass gespielter Naivität waren. Damit ist das Ziel des journalistischen Kunstgriffs erreicht, denn die Hauptdarsteller - im Erklärungsbedarf - thematisieren und erhellen Motive, Zusammenhänge und Hintergründe selbst aufs Beste und erledigen, ganz nebenbei, die Arbeit des Journalisten.
Gleich mehrere Seiten fühlten sich aufgerufen, mich nach der anGedacht-Kolumne der letzten Woche darüber aufzuklären, dass Architektur sehr wohl ein Anliegen des Kulturstadtrates der Stadt Graz ist. Dem könne allerdings nicht Rechnung getragen werden durch die Manifestation des Themas Architektur in einem eigenen Fachbereich und einen dafür zuständigen Fachbeirat, weil es im Kulturressort der Stadt zu wenige Subventionen für den Bereich Architektur gibt (O-Ton!) und die Ressortzuständigkeit für Architektur bei der Stadtbaudirektion angesiedelt sei (siehe Kommentar zu anGedacht 01). Sehr wohl sieht der Stadtrat „die Architektur als städtischen Kulturbereich“. Blind oder zumindest kurzsichtig, auch in Hinblick auf die touristische Umwegrentabilität, wäre, wer das nicht so sieht. Deshalb wird es im 23-köpfigen Kulturbeirat selbstverständlich Vertreter, ja, sogar deren zwei, der Architektur geben. Immerhin wurden ja auch schon „Wünsche und Bedürfnisse der Grazer Kulturszene, zu der auch die Architektur immer eingeladen war, gesammelt und in Abstimmung mit der Szene in kulturpolitische Leitlinien gefasst“.
Sie als ArchitektIn behaupten, dazu keine Einladung bekommen zu haben? Sie haben auch nichts von einem Bewerbungsverfahren für den Kulturbeirat, nach dem Modell des Fachbeirats gehört? Kein Wunder, es hat keine öffentliche Ausschreibung gegeben. Sind Transparenz und Objektivität bei der Auswahl des Fachbeirats ein Feigenblatt, um die Auswahl des Beraterkollegiums für den Kulturstadtrat nach Gutdünken und persönlicher Kenntnis (oder Unkenntnis?) der Szene und ihrer Mitglieder zu treffen?
Wie steht’s im Kulturserver der Stadt zu lesen? „Der Kulturbeirat ist als kollektives Beratungsorgan der Stadt anregend und fördernd mit den kulturellen Angelegenheiten und Einrichtungen befasst“. Er kann also maßgeblich zur Grazer Kulturentwicklung beitragen, kann ihre Richtung mitbestimmen und hat deshalb mehr Gewicht.
Dort allerdings, wo der Bereich Architektur mit zwei Mitgliedern vertreten sein wird, im Kulturbeirat, gibt es kein Geld zu bewirtschaften und im Fachbeirat, wo Subventionen für kulturelle Aktivitäten zugeteilt werden können, ist der Bereich Architektur nicht vertreten. Ohne Geld ka Musi? Nicht doch - reden und Visionen entwerfen kann man immer.
Baukunst/Baukultur/Architektur brauchen Förderung, im Gegensatz zur Musik, die ja unbestritten eine Kunst ist, offensichtlich nur als musealer Gegenstand und dafür sollen die Anderen aufkommen - das Land, der Bund, die Immorent und das Bundesdenkmalamt.
Kulturbeirat und Fachbeirat der Stadt Graz, Kulturbeirat des Landes – angeblich schon konstituiert. Ist die Architektur in diesem Gremium vertreten? Sollte Ihr Kopf schwirren ob der vielen Beiräte, seien Sie getröstet: Sie sind nicht allein. Michael Scharang ätzte vor kurzem in der Presse, dass immer mehr Kulturbeiräte und Kuratoren die Kunst ersetzen.
- Verfasser/in:
- Karin Tschavgova
