Am Nullpunkt der Architektur

Die österreichische Altavantgarde sorgt auf der glanzlosen Architektur-Biennale in Venedig für Peinlichkeit.

24/09/2010

Die österreichische Altavantgarde sorgt auf der glanzlosen Architektur-Biennale in Venedig für Peinlichkeit

Ach, wie wohltuend! Die Architektur auf dieser Architektur-Biennale tendiert gegen null. Die Materialität löst sich auf in sinnliche Wahrnehmung: Wärme, Kälte, Feuchtigkeit, Geruch, Stille ... Laut, hell, dunkel, schwer, leicht, glatt, rau. Rätselhafte Einblicke.

„Enjoy the view“ heißt die dicke Platte. Kaum ein anderer Beitrag versinnbildlicht die Stimmung auf der 12. Architektur-Biennale in Venedig so treffend wie der lapidare Block, den der österreichische Architekt Peter Ebner und seine mexikanischen Studenten an der entlegensten Stelle des Arsenals auf den Rand der Mole gelegt haben. Falls man ihn nicht übersehen hat, ist man fasziniert: Er biegt sich wie Wachs und ist hart wie Beton.

Ein Seufzen der Erleichterung hallt als Frohbotschaft in den besonders einfühlsam verfassten Zeitungs- und TV-Berichten nach, seitdem die von der Üppigkeit der vorangegangenen Biennale noch ermatteten Kritiker das Areal betreten haben: In Venedig sei ein Wunder geschehen. Wie einst Jesus Christus die Händler des Tempels, so habe nun auch Kazuyo Sejima all die eitlen, die immer gleichen Weltstars des Arsenals verwiesen, sie daran gehindert, ihre beunruhigend unverständliche Utopieware weiterhin in unübersichtlichen Mengen feilzubieten. Stattdessen habe die tapfere, zärtliche Kommissärin aus Japan Ruhe und Einfachheit, Andacht und Reinheit zum Einzug verholfen und den Jahrmarkt der Eitelkeiten in ein Reich der Sinne verwandelt.

Aber Achtung! Auch auf dieser Biennale gibt es einen Weltstar – zu entdecken in einem eigens für die Biennale angefertigten Film des Starregisseurs Wim Wenders: Kazuyo Sejima. Der inhaltlich dünne und peinlich selbstbezügliche Streifen über das von Sejima und ihrem Partner Ryue Nishizawa entworfene Rolex-Lehrzentrum in Lausanne ist die filmische Umsetzung des seichten Biennalemottos „People meet in architecture“.

Ohne die 1960er-Nostalgiebrille betrachtet erscheint diese bekömmlich rückwärtsgewandte Biennale so intellektuell leer wie noch nie. Ihre Bedeutung für den Architekturdiskurs ist verschwindend gering. Sollte sie tatsächlich einen Trend anzeigen, dann helfe uns Gott und Allah; denn dann landen wir in einer Neo-Postmoderne, die man sich wohl als Ethno-Fastmoderne vorzustellen hat.

Mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag wurde das winzige Königreich Bahrain ausgezeichnet. Hier wurden drei aus Treibholz gebastelte Strandhütten nachgebaut und mit alten Teppichen ausgelegt – den Gehmüden zum erholsamen Verweilen. Bahrain als Antithese zu Dubai. Oder zur Downtown in Wien Erdberg.

Aber Achtung! Im entlegensten Eck der Giardini, verschanzt in einem kleinen hübschen Pavillon einer kleinen hübschen Nation, leistet eine Handvoll tapferer Altavantgardisten erbittert Widerstand. Dieser kleinen Nation steht traditionell nur eine einzige Idee für ihre internationalen Präsentationen zur Verfügung: Österreich – und eine einzige Aufgabe: die Welt darüber zu unterrichten, dass Österreich kunst- und architekturmäßig ein internationaler Riese sei.

Das Gebäude, das als das schönste in den Giardini gilt, ist wieder einmal umhüllt. Das gehört zum avantgardistischen Repertoire. Aus der Ferne sieht die mit den Silhouetten von Bauwerken bedruckte Umhüllung aus wie die Tarnung eines Munitionslagers. Ob die Bauwerke selbst so hässlich sind wie ihre Schatten, lässt sich nicht eindeutig erkennen. Es erhöht den Tarneffekt erheblich.

Drinnen im Pavillon befindet sich das raumfüllende Ungetüm, eine Großspirale, die an ein Walskelett oder die Förderschnecke eines Fleischwolfs erinnert. Möglicherweise hat der amerikanische Stararchitekt Erik Owen Moss den Auftrag von Bundesministerin Claudia Schmied, den österreichischen Staatspavillon als internationaler Kommissär zu füllen, falsch verstanden. Für das Gesamtbudget hat er Skulpturen anfertigen und nach Venedig transportieren lassen.

Von Missverständnissen abgesehen ist alles ganz einfach zu erklären: Die Bilder am Innenüberwurf stellen jene Bauwerke dar, die internationale Architekten in Österreich errichtet haben – die Inneninternationalität sozusagen. Umgekehrt zeigt die Außenseite jene Bauwerke, die von österreichischen Architekten im Ausland errichtet wurden. Diese Außeninternationalität, also Österreichs Bedeutung für die Welt, muss – der bedruckten Fläche nach zu urteilen – gigantisch sein; urteilt man nach der Qualität des Layouts, ist sie nicht der Rede wert.

Der Rest des Pavillons sieht aus wie ein vollgestopftes Kuriositätenkabinett. Auf großen Industrieregalen sind Modelle von Studenten zu sehen, darunter einiges betagtes Seminargerümpel. Die meisten dieser Sekundärteilnehmer kommen aus dem engen Umkreis der Universität und des Museums für angewandte Kunst, die nach den Plänen von Rektor Gerald Bast, Direktor Peter Noever und Eminenz Wolf D. Prix vereinigt werden sollen.

Alle drei traten bei der Eröffnung auffallend bedeutend in ihren weltberühmten weißen Uniformen auf, obwohl sie mit der jetzigen Präsentation eigentlich nichts zu tun haben und nominell nur Zaungäste sind.

Man muss den österreichischen Beitrag wohl als einen öffentlichen Verlobungsakt deuten, in dem die Mega-Institution der österreichischen Permanent-Avantgarde mit einer Unmenge an Morgengaben bedacht wurde. Der ausgewählt banale Titel „under construction“ bekommt dadurch ungeahnte Tiefsinnigkeit. Es erklärt auch, warum den meist belanglosen Studentenarbeiten so große Bedeutung zugeschrieben wird.

Ob Biennale-Kunst oder Biennale-Architektur: Das Wichtigste sind die festlichen Eröffnungen. Die festlichen Eröffnungen des österreichischen Pavillons sind wahre Kunstwerke, altavantgardistische Staatsakte, die stets irgendwie monarchistisch wirken. Wie bei der Bestellung von Kommissären oder Museumsdirektoren entscheidet hier die Zuneigung, genannt Chemie, nicht die Eignung.

Der Eröffnungsakt beweist: Österreich ist eine kleine, aber glückliche Kulturnation, die der Architektur einen hohen staatspolitischen Wert zubilligt, denn neben Frau Bundesminister Schmied ist auch Herr Bundespräsident Fischer mit Gattin angereist. Wären etwa Obama, Putin und Sarkozy dem österreichischen Beispiel der staatlichen Zuneigung gefolgt, so hätte sich eine kleine improvisierte Weltkonferenz ergeben.

Weil beim Festempfang im Hotel Danielli aber 200 Plätze reserviert worden waren, machte sich unter der Eröffnungsgemeinde eine ungewöhnlich intensive Selbstwert-Nervosität bemerkbar: Wer darf im Danielli mitsehen und mitgesehen werden? Zuerst hütete man die Teilnahmemodalitäten wie ein Staatsgeheimnis. Da allein die Zahl der an dem Staatsunternehmen Architektur-Biennale-Teilnahme einbezogenen, direkt beteiligten Architekten, Architektinnen, Büros, Lehrenden und Lernenden etc. irgendwo zwischen 62 und 150 liegen dürfte, kam es zu einem schlimmen Danielli-Engpass.

Für viele, die eingeladen worden waren, Teil der Füllmasse im österreichischen Pavillon zu werden, gab es dann doch keine Einladung – auch für ausländische Teilnehmer an der österreichischen Internationalität nicht. So weit ging die angekündigte austroamerikanische Weltoffenheit und Gastfreundschaft dann doch nicht. Dass es für die im Namen des österreichischen Staates eingeladenen Architekten und Studenten keine Reise-, Aufenthalts- und Herstellungskostenentschädigung gab, macht die bizarre Staatsoperette zu einem gewöhnlichen Staatsskandal. Man muss es also auch so sehen: Der internationale Schaden, der diesmal im österreichischen Pavillon angerichtet wurde, ist beachtlich.

Verfasser/in:
Jan Tabor, Bericht; erschienen im Falter 36/10 vom 08.09.2010

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