„Wohnen im Asyl“ war der Titel der Veranstaltung am 7. April 2010 im Architekturzentrum Wien, bei der die Frage nach menschenwürdigen Wohnformen für Flüchtlinge erörtert und realisierte Projekte vorgestellt wurden. „Leben im Asyl“ wäre eine treffendere Bezeichnung für die Veranstaltung gewesen, waren sich die Vortragenden – Ute Bock, die Architekten Heidi Pretterhofer und Dieter Spath (ARQUITECTOS), Barbara Holub (transparadiso), Peter Scheifinger und der Schriftsteller Charles Ofoedu – sowie das mitdiskutierende Publikum schließlich einig. Ein bloßes, auf die grundlegendsten Bedürfnisse reduziertes „Wohnen“ bedeutet nicht gleich „Leben“. Moderiert wurde der Abend von der Kulturtheoretikerin und Kuratorin Elke Krasny.
Die Voraussetzungen für eine bessere Wohnsituation und Zukunft für Flüchtlinge werden, so Ute Bock, bereits in der ersten Zeit nach der Ankunft im fremden Land geschaffen. Dies werde allerdings in den beiden österreichischen Erstaufnahmezentren in Traiskirchen und Thalham nur mangelhaft gewährleistet. Ute Bock, Betreiberin des nach ihr benannten Flüchtlingsprojektes, weist darauf hin, dass Sicherheit, Information, medizinische Versorgung sowie die Ausbildung für Kinder in den ersten drei Monaten nach der Flucht als oberste Priorität erachtet werden sollten. Nun stellt sich die Frage: Hätte ein lagerähnlicher Bau, wie jener, der beinahe in Eberau errichtet worden wäre (GAT berichtete), flüchtenden Menschen das Gefühl der Sicherheit und Zuversicht vermittelt? Wohl kaum. Die Folgen wären, wie in den bereits vorhandenen Zentren ersichtlich, soziale Spannungen, Unzufriedenheit, mangelnde Ausbildung und letztlich Kriminalität.
Ute Bock versucht mit ihrer Anlaufstelle für Flüchtlinge, die zwischen Asylantrag und Aufnahmegespräch auf der Straße leben, dort auszugleichen, wo Erstaufnahmezentren versagen. So bietet ihre Stiftung diesen Menschen durch angemietete Wohnungen, die von Hausverwaltungen zu niedrigen Preisen zur Verfügung gestellt werden, ersten Schutz.
Anschließend an Ute Bocks Vortrag stellten die geladenen Architekten alternative Vorschläge zur baulichen Gestaltung von Wohnungsanlagen für Asylanten vor. Sie legten den Fokus auf die sozialen Aspekte der Integration und die Verbesserung der Lebensqualität.
Flüchtlingsdorf Macondo, Wien-Simmering
Heidi Pretterhofer und Dieter Spath präsentierten ihre Studie über das selbst organisierte Flüchtlingsdorf Macondo, das in den 1950er Jahren, zur Zeit des Ungarnaufstandes, am Stadtrand von Wien aus einer ehemaligen Kaserne entstanden ist. Derzeit werden dort Flüchtlinge aus 25 Nationen betreut. Somit können rund 3000 Menschen mit Aufenthaltsgenehmigung für 1 bis 3 Jahre unter normalen Mietverhältnissen leben. Die Kasernen von Macondo werden für Wohnzwecke genutzt, darüber hinaus befinden sich auf dem Areal mehrgeschoßige Wohnbauten mit Laubengangerschließung, eine Reihenhausanlage und ein Intergrationshaus. Das Flüchtlingsdorf zeichnet sich durch großzügige Freiräume aus. Ein wichtiges Element bilden dabei die Gartenflächen, die von den Bewohnern selbst gestaltet werden können und als wichtiger Ort der Kommunikation und Aktivität fungieren. Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) beabsichtigt allerdings, die Gärten in Zukunft nach dem Prinzip von Schrebergärten an die Bewohner zu verpachten.
Wohnmodell Inter-ethnische Nachbarschaft", Wien-Liesing
Das Wohnmodell „Inter-ethnische Nachbarschaft“ von Architekt Peter Scheifinger liegt im 23. Wiener Gemeindebezirk. Das Projekt, das seit dem Jahr 2000 bewohnt ist, gilt als vorbildlich und richtungsweisend für interkulturelles und gemeinschaftliches Wohnen und wurde im Jahr 2009 mit dem Wiener Wohnbaupreis ausgezeichnet. Ursprünglich war die Wohnanlage für Flüchtlinge gedacht, die bereits in Österreich Fuß fassen konnten, aber unter schlechten Bedingungen leben und mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Mittlerweile sind die Wohnungen auch für Wiener attraktiv geworden. Heute leben dort 300 Menschen aus 17 Nationen. Wichtig war dem Architekten, mit einer gut durchdachten Planung nicht nur Privatheit zu gewährleisten, sondern auch die soziale Interaktion zwischen den Bewohnern zu fördern. So plante Scheifinger Gemeinschaftsgärten, - penthäuser und -loggien ebenso wie einen Veranstaltungssaal, einen Wellnessbereich oder einen Waschsalon. Immer wieder werden Feste organisiert, die den Menschen verschiedenster nationaler Herkunft ein Kennenlernen ermöglichen.
Besonders markant sind die bunten Loggien, deren Seitenwände aus farbigem Glas bestehen. Die wandernde Sonne bewirkt unterschiedliche Schattierungen, die den Eindruck erwecken, als wäre die Fassade in Bewegung.
neunerHAUS – Kudlichgasse, Wien-Favoriten
Im Jahr 2004 stellte sich Karl Langer mit Liane Liszt die Aufgabe, einen Neubau für 60 obdachlose Senioren zu konzipieren. Für Langer bestand die Herausforderung bei der Planung nicht zuletzt in der Erkenntnis, dass es nicht reiche, vorhandenen Exempeln zu folgen. So müssten beim Planen zunächst die Grundprobleme, die in Bezug auf das Wohnen von Obdachlosen entstehen, wie etwa Kommunikationsprobleme, Passivität, mangelhafte Privatheit, thematisiert werden, um dann entsprechende bauliche Maßnahmen zu setzen. Langer kam außerdem zu dem Schluss, dass „ein abgegrenzter Sonderbau in der Peripherie keinen Sinn macht, sondern obdachlose Menschen in das Stadtgeflecht eingewoben werden müssen“, um Ghettosituationen zu vermeiden. Langers Konzept ist aufgegangen: Das neunerHAUS ermöglicht einerseits den Rückzug ins Private, andererseits die Kommunikation zwischen den Bewohnern. Dies wird unter anderem durch semitransparente Oberlichten über den Wohnungstüren, kleine private Wohneinheiten oder durch Gemeinschaftsflächen in jedem Geschoß, Lufträume, die der Kommunikation zwischen den Stockwerken dienen sowie eine Dachterrasse, einen kleinen Innenhof und eine Kantine evoziert.
Die beschriebenen Projekte wurden zwar für Obdachlose und für Migranten, die bereits eine Aufenthaltsgenehmigung haben, errichtet, könnten aber auch Modellcharakter bei der Schaffung von entsprechenden Lebensbedingungen für Asylanten in der Zeit der Erstaufnahme haben. Bauliche Entscheidungen sollten jedenfalls der Interaktion, der Integration aber auch der Sicherheit und Privatheit dienen. Die realisierten Projekte bilden ein breites Reservoir an Alternativen - angemietete Wohnungen, selbstorganisierte Gärten, private und öffentliche Räume – für die effiziente Nutzung des vorhandene staatlichen Budgets.
Natürlich muss man sich bewusst sein, dass die Problematik der Wohnsituation von Asylanten durch ein weit reichendes Beziehungsgeflecht zwischen Politik, Recht und Gesellschaft bestimmt wird und nicht gelöst werden kann, ohne diese Tatsache zu berücksichtigen. Die realisierten Beispiele belegen, dass mit einer umsichtigen Planung, die in erster Linie die Bedürfnisse von Asylanten berücksichtigt, Räume und Voraussetzungen geschaffen werden können, um eigenständig und erträglich zu leben.
LITERATURHINWEIS
Das Wohnmodell "Inter-ethnische Nachbarschaft"
Herbert Ludl (Hg.)
2003, Springer WienNewYork
ISBN 3-211-20174-2
FILMTIPP
"Bock for President"
A 2009, 90 min.
Regie: Houchang und Tom-Dariusch Allahyari
Die Filmemacher Houchang und Tom-Dariusch Allahyari begleiteten zwei Jahre lang die Wiener Flüchtlingshelferin Ute Bock bei ihrer Arbeit und privat mit der Kamera.
ASTRID RADNER (*1990 in Wels) studiert Deutsche Philologie an der Philologisch- Kulturwissenschatlichen Fakultät und Kommunikationswissenschaft an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien.
- Verfasser/in:
- Astrid Radner, Bericht







