Alles geht den Bach hinunter

Das Ausfließen einer Stadt oder wie es auch anders gehen kann!

19/11/2007

Das Ausfließen einer Stadt oder wie es auch anders gehen kann!

Nun gut, die Mur ist ein respektabler Fluss. Auf ihrem Weg von Norden nach Süden durch die Stadt Graz nimmt sie alles Mögliche mit hinunter und damit der Stadt weg, um es weiter unten wieder abzulagern. Von Speckgürteln, Abwandern der Kaufkraft, Disneyfizierung der Innenstadt, Verminderung der Lebensqualität als Folge dieser Entwicklung wird gesprochen. Auch über den gesellschaftlichen Wandel im Zeitalter von Globalisierung, Individualisierung, Veränderung von Familien- und Arbeitsstrukturen und über den demographischen Wandel wissen wir schon lange Bescheid; neuerdings werden auch Mahner des Klimawandels erstgenommen (dennoch wird der weltweite Energieverbrauch sich in den nächsten 23 Jahren verdoppeln). All diese Faktoren beeinflussen nachhaltig jene Selbstverständlichkeit, die wir Wohnen nennen.

Umso bemerkenswerter scheint es, dass gerade im Wohnbau in den letzten Jahrzehnten wenig von diesen Veränderungen spürbar war. Zwar gibt es immer wieder Ansätze und Versuche in Form von Symposien und Wettbewerben, die jedoch meist als Worte im Raum verhallen oder geduldig auf Papier in Schubladen verschwinden, denn gebaut wird großteils, was angeblich gewünscht wird: konventionelle Grundrisse für die Kleinfamilie, 2-4 Zimmerwohnungen von 50 – 90m². Für andere Bedürfnisse bleibt die Flucht aus der Stadt, um sich sein Haus im Grünen zu bauen, angeblich immer der häufigste Wohnwunsch. Aber auch ein Passivhaus außerhalb der Stadt ist ressourcenintensiv und umweltschädigend, wenn Besitzer dafür in Ermangelung an öffentlichen Verkehrsmitteln mit Autos in die Stadt pendeln.

Eine Möglichkeit diesen Entwicklungen entgegenzuwirken ist eigentlich einfach: die Umkehrung, d.h. nach innen zu verdichten statt nach außen weiter zu wachsen; auch ein sehr einfaches Prinzip, was die Energieeffizienz betrifft. Wie dies aussehen kann und vor allem dass es möglich ist, zeigen zwei gebaute Wohnquartiere im grün regierten Freiburg im Breisgau, eine Stadt, die auf den ersten Blick durchaus mit Graz vergleichbar ist, was ihre Größe, ihre grenznahe Lage und ihre Topographie betrifft. Auch in Freiburg gibt es einen Schlossberg. In den Stadtteilen Rieselfeld und Vauban leben und arbeiten mittlerweile insgesamt über 12.000 Menschen. Atmosphärisch sind die beiden recht unterschiedlich: Kleinteilig wuchert in Vauban - geplant - Grünzeug zwischen den Häusern und schafft eine Welt „widde-wie“ sie gefällt und lässt vergessen, dass es sich hier um eine ehemalige Kaserne handelt, während die Rieselfelder Weitblick genießen. Ihr Mikrokosmos ist umgeben von einem Naturschutzgebiet, in weiterer Ferne sind bei gutem Wetter die Vogesen sichtbar. An beiden Quartieren wird noch gebaut, geplant wurden sie zu Beginn der 1990er Jahre und sie wachsen seither kontinuierlich. Für beide gab es einen städtebaulichen Wettbewerb und auch sonst haben beide Teile viel gemeinsam: Ökologisches Bauen, die Nutzung von Solarenergie und Wohnhäuser in Niedrigenergiebauweise sind hier nicht Luxus sondern Standard. Die durch Photovoltaik erzeugte Energie wird in das öffentliche Netz eingespeist, was den BewohnerInnen Nebeneinnahmen statt Nebenkosten bringt. Ganz selbstverständlich ist auch die optimale Ausrichtung auf das öffentliche Verkehrsnetz, das es hier gibt.

Sukzessive werden auch Tagesstätten, Kindergärten und Schulen errichtet und vor allem Vauban zeichnet etwas aus, das es bei uns vor langer Zeit einmal gegeben hat: die Mitbestimmung der BewohnerInnen; sicherlich kein einfacher, aber ein Prozess, der sich im Endeffekt lohnt, denn einem Umstand mit nachhaltiger Wirkung für die Gesellschaft wird meist wenig Aufmerksamkeit geschenkt: der Identifikation der BewohnerInnen mit ihrem Lebensraum, die hier allerorts spürbar ist. Ein Blick auf die Website von Vauban www.vauban.de lohnt sich!

Verfasser/in:
Ute Angeringer-Mmadu, Kommentar

Weiterführende Links

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Stadtteilzentrum von Rieselfeld, Freiburg, Breisgau
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Kulturzentrum im Zentrum von Rieselfeld, Freiburg, Breisgau. Alle Fotos: (c) Heike Possert-Lachnit
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Sporthalle im Stadtteilzentrum Rieselfeld, Freiburg im Breisgau
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Solarsiedlung Sonnenschiff von Architekt Rolf Disch
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Stadtteil Vauban in Freiburg, Breisgau, die Bewohner sind stolz auf ihren Stadtteil
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Auch Ungeplantes, eine Wagenburg findet in Vauban seinen Platz.
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Unkonventionelle Lösung eines Problemes: Kostensparend wurde nur ein Lift für zwei Baukörper gebaut, über Brücken werden beide erschlossen!

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