Wenn Volker Giencke polemisiert, ist man gerne versucht es ihm gleich zu tun. Seine Eröffnungsrede zur Ausstellung „Stadthaus Graz“ fordert jedenfalls zu einer kritischen Stellungnahme heraus. Eine Nachbesprechung.
Es gehört vielleicht zum Interessantesten im Studium der Architektur, sich der Herausforderung eines Architekturwettbewerbes zu stellen. Das Aufeinandertreffen unverbrauchter Ideen mit den pragmatischen Anforderungen eines realen Kontexts hat dabei nicht selten Rohdiamanten entstehen lassen, die sich auch im Wettbewerb mit professionellen Architekturbüros erfolgreich behaupten konnten. Wenn auch im Rahmen einer universitären Entwurfsveranstaltung und damit außer Konkurrenz, nutzen gegenwärtig Studentinnen und Studenten der Architektur an der Universität Innsbruck nicht nur die Möglichkeit, ihre Entwürfe zum Kommod-Haus vor dem Hintergrund einer realen Aufgabe zu diskutieren, sondern stellen ihre Arbeiten auch in den größeren Kontext der Schrumpfenden Städte, eine Thematik, die gegenwärtig breit besprochen wird.
Graz ist dafür kein uninteressanter Ort; im Konkurrenzkampf zwischen Zentrum und Peripherie hat sich in den vergangenen Jahren die für alternde Städte typische Verlagerung des kommerziellen Schwergewichts der Stadt in ihre Außenbezirke mit einigermaßen rasanter Geschwindigkeit vollzogen. Ein nicht unwesentlicher Teil der Stadtbevölkerung verbringt heute seine Freizeit in der Peripherie, wo das öffentliche Leben - eingebettet in die Konsumwelten der Einkaufszentren - eine eigentümliche Renaissance erlebt. Umgekehrt behauptet sich das Grazer Zentrum in bemerkenswerter Weise als kultureller wie touristischer Standort. Die Grazer Altstadt ist heute eine Event City im besten Sinn: Ein historisch gewachsener Stadtkern, der durch eine Fülle an Veranstaltungen und Festivals touristisch maximal vermarktet wird. Diese Entwicklung, die durch das Jahr der Kulturhauptstadt 2003 zusätzliche Dynamik erhalten hat, wurde nicht zuletzt auch durch architektonische Leistungen mitgetragen, als deren bislang letzte, aber auch deutlichste Beispiele die Murinsel sowie das Grazer Kunsthaus zu nennen sind.
Der Prozess der innerstädtischen Aufwertung ist zweifelsohne interessant und belegt die Innovationskraft, mit der totgesagte Städte auf ihre Entleerung zu reagieren imstande sind. Der zunehmend in den Vordergrund rückende touristische Schwerpunkt dieser Aktivitäten bringt freilich auch problematische Aspekte mit sich, wie sich etwa in der Ausgrenzung touristisch unattraktiver Seiten der Stadt zeigt. Maßnahmen wie beispielsweise die Diskussion um das neu geschaffene Wegweisrecht auf öffentlichen Plätzen machen das Stadtzentrum auf eine andere Art zu dem, was die Einkaufszentren der Peripherie auszeichnet: zur kommerziellen Monokultur, die dem Besucher das – und nur das – bietet, was seinen vorgefassten Erwartungshaltungen entspricht.
Als augenscheinlichste touristische Erwartungshaltung kann heute das Bedürfnis nach dem Event, der Hang zum Spektakulären bezeichnet werden, und genau in diesem Kontext bewegen sich – unfreiwillig – auch die studentischen Projekte zum Kommod-Haus. Die Ausstellung im Spiegelsaal der neuen Galerie vereint eine Auswahl an Projekten, die auf experimentelle Weise die Rückeroberung der alten Innenstädte durch neue urbane Qualitäten einfordern – so steht es zumindest im Ausstellungstext. Gezeigt werden Architekturmodelle, die auf eindrucksvolle Weise den Raum der Baulücke skulptural besetzen. Allein: Dies ist der Ausstellung einzig sichtbarer Inhalt. In Ermangelung weiterer Ausführungen, die die Hintergründe der Projekte nachvollziehbar machen, lässt die Ausstellung eine gewisse Tiefe vermissen, und auch in Gienckes Eröffnungsrede ist über die Projekte nicht mehr zu erfahren als dass „Architektur für sich selbst sprechen muss.“ Die in der Ausstellung gezeigte Reduktion von Architektur auf räumlich-skulpturale Aspekte weicht damit nicht nur den im Zusammenhang mit dem Thema der Schrumpfenden Städte interessanten Fragestellungen aus, sondern marginalisiert auch den konstruktiven Input der gezeigten Projekte auf die aktuelle Standortdiskussion in Graz.
Es genügt heute nicht mehr, allein gute Architektur zu machen. Und es hilft nichts, gegen die offensichtliche Hässlichkeit der Shopping-Malls zu polemisieren, wie es im Ausstellungstext geschieht. Die Beschränkung auf formalästhetische Kriterien stellt die Architektur ins Off, und der „gute Architekt“, den Giencke in seiner Rede als heroischen Kämpfer gegen das Mittelmaß anführt, bleibt Phantom eines fachinternen Diskurses. Will Architektur Relevanz zeigen und sich in einen aktuellen Strategiediskurs einbringen, ist Engagement in der Auseinandersetzung mit Themen gefragt, die über gestalterische Aspekte weit hinausreichen. Es ist ein Verständnis von Architektur als diskursive Disziplin gefragt, wo entworfenen Strategien einer inhaltlichen Diskussion gestellt werden. Dies ist in dieser Ausstellung nicht der Fall.
Es ist den Architekten der 1968er-Generation hoch anzurechnen, dass die damals entwickelten Architekturutopien – „Alle Macht der Phantasie“ – heute gebaute Realität geworden sind. Die Gesellschaft, deren Mangel an Phantasie durch die damalige Avantgarde kritisiert wurde, hat sich allerdings weiterentwickelt und verlangt heute im Zeichen der Eventkultur genau nach jenen spektakulären Raumideen, die damals richtungsweisend waren. Die Erfinder dieser Ideen müssen sich vergegenwärtigen, dass der revolutionäre Gehalt ihrer Entwürfe heute im Zeichen des City-Marketing kommerziell vereinnahmt und mittlerweile gesellschaftlich breit akzeptiert ist.
Wenn jene Architektengeneration, die heute in den Startlöchern scharrt und deren Arbeiten gegenwärtig in Graz zu sehen sind, der Macht der Phantasie nach wie vor revolutionäre Kraft zuspricht, ist sie dazu aufgefordert, die gesellschaftliche Relevanz der Phantasie neu zu definieren.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller - KOMMENTAR