Der Arbeit von Walid Raad gilt schon lange das Interesse von Camera Austria. Bereits 2002 widmete die Grazer Institution dem zwischen Brooklyn und dem Libanon lebenden Künstler ein Dossier mit Bildern aus der Serie Sweet Talk und Texten von Jalal Toufic. „In 1989, The Atlas Group (1) (...) recruited dozens of men and women to photograph streets, storefronts, buildings and other spaces of national, technological, architectural, cultural, political and economic significance in Beirut.” (2) In einer doppelten Bewegung der Fortführung und Distanzierung vom ursprünglichen Projekt fragen die Bilder der aktuellen Ausstellung in Camera Austria nach dem historiographischen Verfahren. Wie kann Geschichte – insbesondere eine vom Trauma des Bürgerkriegs geprägte wie jene des Libanons – überhaupt dargestellt werden?
Wir leben in einer Ära der Obsession zur bildlichen Dokumentation. In den unterschiedlichen Themen, Formaten und Inszenierungen der Bilder in der Ausstellung klingt dieses bulimische Verhältnis zum Bild an. An einer Stelle greifen die Bilder sogar ineinander und werden zu einer Art Metabild: das Dispositiv erinnert an jene Duchamps, die die Grenzen zwischen Schaffen und Wahrnehmen, Dokumentarischem und Künstlerischem, Geschichte und Gegenwart auflösen. Schon der Titel der Serie verwirrt den Zuschauer angesichts des angekündigten Themas des Krieges. Was zeigen denn die Bilder? In leeren Straßen geparkte Fahrzeuge, verlassene Wohnkomplexe und urbane Landschaften, manchmal skurrile Innenansichten, die atypisch für die Kriegsphotographie bzw. den Versuch einer Vermittlung des Krieges sind. Viele Bilder stellen Architektur dar und die in ihr eingeschriebenen Spuren des Konflikts; vor allem enthüllen sie aber die unzähligen historischen Schichten Beiruts hinter seinem aktuellen Zustand zwischen Trümmern, Baustellen und Brachland. Sie zeigen zugleich empathisch und distanziert das Alltägliche. Das Verhältnis von Darstellung und Erfahrung ist zentral in Raads Arbeit: „The geopolitical history of Lebanon that was being written was leaving out so much of what I considered to be my experience of these events. (…) I wanted to make documents that were conscious of that.“ Bei seinen Bildern handelt es sich nicht um einen Ausdruck der Katastrophe oder des Traumas, sondern um die Erfassung einer komplexen Situation, die gewaltsame sowie alltägliche Ereignisse, aber auch Phantasievorstellungen und widersprüchliche Gedanken umfasst. „How do we approach facts not in their crude facticity but through the complicated mediations by which they acquire their immediacy?“ (3)
Walid Raad kombiniert Distanz und Intimität, Emotion und Analyse und enttäuscht absichtlich die Erwartungen des Zuschauers. Die scheinbare Ungehörigkeit mancher Bilder, die schlechten Fokussierungen sowie das Nebeneinander von unterschiedlichen heterogenen Zeitlichkeiten innerhalb eines Bildes oder einer Serie hinterfragen die Aussonderungen und den Gedächtnisschwund der offiziellen Geschichte. Die Präsentation der Bilder opfert das Chronologische, das Lineare, das Einseitige. Die bevorzugte konzeptuelle und ästhetische Kohärenz offenbart keine Nonchalance, sondern eher eine bewusste Distanzierung gegenüber der Dokumentation nach der Kenntnisnahme seiner Unmöglichkeit. „In Beirut bewegte sich alles so rasend schnell, dass meine Verschlussgeschwindigkeit nicht mithalten konnte.“ (4) Die wiederholte Auseinandersetzung mit Geschwindigkeit und Verschwinden im Werk Raads, z. B. durch Pferderennen oder Explosionen, spiegelt die Unmöglichkeit des Erfassens flüchtiger Ereignisse wieder. Die Bilder sind eher (schmerzhafte) Beweise von fehlenden oder vermissten Bildern als positive Spuren von etwas „was einmal war“ (Roland Barthes). Das Photo kann höchstens ein Indiz sein (Charles Peirce); sonst wird es ein zum politischen Zweck instrumentalisiertes, betiteltes und/oder retuschiertes Werkzeug. Jede Historisierung ist eine Abstrahierung. „It is evident in Libanon and elsewhere that ‘The Libanese Civil War’ refers to an abstraction (…) We proceed with the project from the consideration that this abstraction is constitued by various individuals, groups, discourses, events, situations, and more importantly by modes of experience.” (5) Die Abstraktion des Krieges wird durch die Abstraktion der Bilder gespiegelt, wie z. B. in den geschnittenen Bildern von Fassaden, die an Thomas Bayrle erinnern, oder die Serialität, die auf die Konzeptkunst eher als eine Methode des Historikers verweist.
Wo er in anderen Arbeiten an die Fiktion appelliert, benutzt Walid Raad in Sweet Talk verschiedene Abstrahierungs-, Fokussierungs- oder Montagestrategien, um die Anordnung der Dinge zu hinterfragen, indem er eine Art neue „Kartographie“ à la Aby Warburg entwirft. Walid Raad konstruiert surreale, latente Bilder. „Die Latenz zeigt trächtige Möglichkeiten, Spuren, Erinnerungen, die gespenstisch werden.“ (6) Der Künstler interessiert sich für verborgene Kenntnisse, die jenseits der Fakten liegen, auf der Suche nach einer anderen Verständlichkeit der wahrnehmbaren Gegebenheiten. Die Uneinigkeit darüber, was geschehen ist und wie es geschehen ist, darüber, wie es möglich wird, darüber zu reden, ist das Hauptthema Walid Raads: Existierende Bilder und Dokumente werden hinterfragt, aber auch der offizielle Rahmen in dem sie erscheinen. Indem er neue Bilder in Umlauf bringt, eignet sich Raad eine politische Macht an, die sonst allein die offizielle Instanz besitzt. Anstatt ein Dogma zu produzieren oder zu reproduzieren, lässt er den Zuschauer eine kritische Position übernehmen. Jacques Rancières Definition der Fiktion könnte Raads Werk beschreiben: eine Arbeit, „die Dissens herbeiführt, die Präsentationsmoden und Darlegungsformen verändert, indem sie die Rahmen, die Maßstäbe oder die Rhythmen beeinträchtigt und indem sie neue Verhältnisse zwischen Erscheinung und Realität, zwischen dem Eigenartigen und dem Gewöhnlichen, zwischen dem Sichtbaren und seiner Bedeutung konstruiert.“ (7)
Walid Raad schafft in seinem Werk dialektische Bilder, wo das Vergangene das Jetzige trifft (Walter Benjamin), um eine Konstellation von heterogenen Elementen zu bilden, eine Zusammenstellung von Fragmenten. Die Strategien in und um das Bild herum eröffnen neue Herangehensweisen an politische und mediale Phänomene, nicht nur im Kontext des Libanons, sondern auch in der allgemeinen Perspektive der Geschichtsschreibung und ihrer Einschreibung in der Gegenwart. „Yes, our story is tragic, yes it is sordid, but you have to remember that it is first and foremost a story.” (8)
(1) Die Atlas Group, imaginäre und anonyme Stiftung, 1999 von Walid Raad gegründet (laut gängiger Quellen) „zur Forschung und Zusammenstellung von Dokumenten über die zeitgenössische Geschichte Libanons.“ Die Atlas Group „produziert, lokalisiert, konserviert und studiert visuelle, akustische, schriftliche oder Dokumente anderer Art, die die aktuelle Geschichte Libanons erläutern.“
(2) www.theatlasgroup.org, File type AGP, The Sweet Talk File, About The Sweet Talk File.
(3) Interview mit Alain Gilbert, Bomb 81, Ende 2002.
(4) Walid Raad über „Sweet Talk: Commissions (Beirut)“, Pressemitteilung der Ausstellung bei Camera Austria.
(5) Interview mit Alain Gilbert, op.cit.
(6) Joana Hadjithomas und Khalil Joreige.
(7) Jacques Rancière, „Les Paradoxes de l’art politique“, in Le Spectateur émancipé, Paris, La Fabrique éditions, 2008.
(8) Einführung der #17 und #31 der Serie Hostage: Bachar Tapes, 2001.
Ausstellung
WALID RAAD
Sweet Talk: Commissions (Beirut)
bis 05. April 2010 in
Camera Austria
Kunsthaus Graz
Lendkai 1
8020 Graz
Öffnungszeiten:
DI-SO 10.00-18.00 Uhr
- Verfasser/in:
- Anne Faucheret, Empfehlung
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