Kenzo Tange, einer der großen Architekten der Moderne, ist in hohem Alter gestorben. Der Eindruck der modernen Architektur aus Europa hatte ihn in einem sehr in seinen Traditionen verhafteten Land Architekt werden lassen. Mehr noch als die Architektur von Gropius, Le Corbusier oder Mies van der Rohe in Europa fremd war, war sie es in Japan. Er wurde zu einem Pionier im eigenen Land und zu einer Inspiration für uns alle. Uns wurde er erst durch seine Sportstätten für die Olympischen Spiele 1964 in Tokio und durch seinen Plan für die Stadterweiterung Tokios in die Tokioter Bucht hinaus bekannt.
Japans Architekturtradition war geprägt von der besonderen Bedeutung des Daches und der flexiblen Unterteilung des Wohnraumes durch verschiebbare Wandelemente mit Reisstroh, die nicht mehr als Sichtschutz boten. In ganz anderer Weise werden auch die Sportstätten von Form und Konstruktion des Daches geprägt. Unter ihnen ist die Unterteilung manipulierbar, die Fassade nur eine Membran. Eleganz der Erscheinung ist mit Eleganz der Konstruktion verbündet.
Was sagte er wohl über das vorlaute, schnelllebige Architektur Machen von heute, dessen Konstante die Bereitschaft zur Kehrtwendung ist? Was zum Subjektivismus, dem es an Zurückhaltung, Besinnung und Selbstkritik mangelt? Was würde er im Alter dazu gesagt haben, er, der in der Reife seine Hand über die Metabolisten, Japans Avantgarde der Zeit, gehalten und sich mit ihnen verbündet hatte? Aber von ihr gab es nichts dem Projekt für die Bucht von Tokio Vergleichbares, das einen möglichen Weg weg vom Lotterbett zeigte, in dem sich die Architektur damals befand. Es ist ein Projekt, das auf Architektur als einer gesellschaftlichen Aufgabe verweist und nicht auf die Verwirklichung von Gebäuden aus Hüllen auf isoliertem Bauplatz. Auch hier Bauwerke unter Dachformen, aber das Wesentliche war die großstädtische Erschließung, ein Netz, das, wie wir es sahen, ausbaufähig ist wie der Hippodamische Raster oder Cardo und Decumanus. Würde er zum heutigen Geschehen vielleicht sagen „warum sollte jemand so etwas machen?“, wie Kahn es über eine frühe Arbeit von SITE (James Wines) gesagt hatte?
Wieder ist ein Teil der Moderne zu Grabe getragen worden. Was bleibt ist ein Werk, das zeitlos jung ist, dem Zeitgeistigen fremd, einer Zeit, in der das, was heute jung ist, morgen schon alt sein kann, da es sich schnell so gut leben lässt. Ich entbiete Ihnen, Kenzo, den letzten Gruß aus geographischer Ferne.
- Verfasser/in:
- Bernhard Hafner, Architekt
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