Abriss, und dann?

Nachdem die Beseitigung des ungeliebten Berliner Palasts der Republik beschlossene Sache ist, wird kurz vor seinem Abriss noch ein Berg hineingebaut.

24/08/2005

Nachdem die Beseitigung des ungeliebten Berliner Palasts der Republik beschlossene Sache ist, wird kurz vor seinem Abriss noch ein Berg hineingebaut. Über die Qualität des Vergänglichen, Temporären, Provisorischen bei der Konzeption eines öffentlichen Orts für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts: Skizze einer laufenden Debatte.

Berlin, im Sommer 2005. Ein Hauch von Müßiggang liegt über der Stadt. Wenn nach Jahren ehrgeiziger Großprojekte die Kassen entleert, wenn in Zeiten wirtschaftlicher Flaute ein Gutteil der Bevölkerung Harz IV-Empfänger ist; wenn aber auch die Jahreszeit ob ihrer gesteigerten Temperaturen eher zum süßen Nichtstun einlädt, dann sitzen die Berliner auf Bierbänken vor den Lokalen in Kreuzberg, lagern zu Hunderten auf der Museumsinsel im Rasen, oder zaubern in einer der unzähligen Baulücken mittels Sand, Sonnenschirm und Liegestühlen den Strand in die Stadt. Berlin macht Pause. Und ganz unvermittelt ereignet sich das, was der deutschen Seele so unerreichbar, weil gänzlich untypisch erschienen war: Dolce Vita - in Berlin ist es auf einmal Realität geworden.

Trotz allen Jammers ob des tiefen Tals, das die Nation in Zeiten der Rezession heute durchschreiten mag: Fast scheint es, als ob diese Zeit, dieser Sommer 2005, das Zeug hätte, einmal ähnliche Nostalgie hervorzurufen wie die heute gern verklärten Tage der dahingeschiedenen DDR. Denn auf einmal hat man Zeit, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die lange brachgelegen sind – beispielsweise mit dem ehemaligen Palast der Republik am Berliner Schlossplatz, einst Parlamentsitz und repräsentativster Kulturbau der DDR, seit der Wende funktionslos gewordener Koloss im Zentrum der Stadt. Nach einer kostspieligen Asbestreinigung im Jahr 2003 ist von seiner Bausubstanz zudem nicht viel mehr übrig als die Fassade sowie die imposante Stahlkonstruktion im Inneren. Der Abriss des aus heutiger Sicht für viele auch historisch problematischen Gebäudes mit Ende diesen Jahres ist mittlerweile vom Deutschen Bundestag beschlossene Sache; ebenso der Wiederaufbau des nach dem Zweiten Weltkrieg abgebrochenen, aber politisch unverfänglicheren barocken Stadtschlosses an selbiger Stelle, einst wesentlicher Teil des historischen Ensembles am Schlossplatze gemeinsam mit Altem Museum und Berliner Dom. Allein: Nicht nur für den Schlossneubau – eine Milliarde Euro stehen im Raum -, sondern auch für den Abriss des Palasts fehlt das Geld. Über die zukünftige Nutzung des Stadtschlosses herrscht darüber hinaus Unklarheit. Das aktuelle Vorhaben, unterschiedliche, bereits bestehende Kulturinstitutionen Berlins im so genannten „Humboldforum“ neu zu versammeln, kann auch als eher hilfloser Rückgriff auf bereits Bewährtes in Ermangelung zeitgemäßerer Nutzungsideen gedeutet werden.Die Situation des zum wiederholten Male angekündigten, jedoch bis dato nicht erfolgten Abrisses nützt seit 2003 ein Kollektiv aus Künstlern, Architekten und Veranstaltern, um den leeren Palast temporär zu nutzen und ihn so der Öffentlichkeit als „Volkspalast“ wieder zugänglich zu machen. 2004 etwa wurde das Gebäude nicht nur mit Kulturveranstaltungen, Ausstellungen, Nachtclubs und Sportevents vielfältig bespielt, sondern auch über Möglichkeiten alternativer Entwicklungsszenarien für den Berliner Schlossplatz, über Potentiale der leer stehenden Palastruine und ihre mögliche Bedeutung für die Konzeption eines zeitgemäßen öffentlichen Orts diskutiert. Die Veranstaltung, zu der über 50.000 Besucher kamen, darf als einen ihrer Erfolge auch die zunehmende Infragestellung des Wiederaufbaus des historischen Stadtschlosses für sich verbuchen.

Bei der neuerlichen Bespielung des Palasts im Rahmen der Veranstaltung „Volkspalast – Der Berg“ im heurigen Jahr scheint vom inhaltlich ambitionierten Programm des Vorjahres nur der performative Teil übrig geblieben zu sein. Nach einer Idee des Architekten Benjamin Foerster-Baldenius wurde unter der Verwendung von 10.000 m³ Gerüst und 5000m² weißem Kunststoff ein Berg in den Palast gebaut; im Wortlaut des Veranstalters die Verwirklichung einer „räumliche Illusion, die die Realität des umgebenden Stadtbilds, des Schlosses und der ‚Historischen Mitte’ als wirkliche Illusion entlarvt.“ Wenn man sich derartig in Erklärungen versteigt, muss es offenbar unbemerkt geblieben sein, dass ein ähnlicher Berg nur wenige Monate zuvor vom Wiener Künstler Hans Schabus auf der Biennale in Venedig realisiert wurde. Dies scheint die Veranstalter aber ebenso wenig zu beunruhigen wie die die auffällige programmatische Beliebigkeit, die der Berg als „fruchtbares Land für Ideen und Visionen“ an den Tag legt. Auf vier Routen mit unterschiedlichen Stationen lässt sich das Gebirge durchwandern. So passiert man beispielsweise auf dem Bergsteigerpfad, als Seilschaft aneinander gebunden, gefährliche Passübergänge, findet in einer Biwakschachtel notdürftig Unterschlupf, oder besucht eine lustige Sennerin auf ihrer Alm. Bei allem kreativen Engagement, das hier geboten wird: Die Frage, wie es nun tatsächlich weitergehen soll mit dem Palast der Republik, wird konsequent umgangen. Allein sein Abriss wird in einer Reihe von Gedenkveranstaltungen („Die Letzte Ehre. Blumen für den Volkspalast“, „Bergpredigt“ etc.) ausgiebig beweint. Fazit des trotzdem nicht unoriginellen Ad-hoc-Aktionismus: Viel mehr als die Forderung, den Palast im Sinne der Möglichkeiten freier Aneignung und spontaner Bespielung als „urbanes Abenteuer“ doch einfach in der gegenwärtigen Form zu belassen, ist hier nicht zu erkennen. Wie seine freie Nutzung im Übrigen weitergehen soll, wenn jene öffentlichen Fördergelder versiegt sind, die selbstverständlich auch die jetzige Veranstaltung unterstützen, bleibt ebenso offen.Vielleicht sind Fragen wie diese angesichts des baldigen Abrisses aber auch allzu ernst - wenngleich es sich lohnen würde, länger darüber nachzudenken. Wie kann, den Erhalt des Palasts der Republik in seiner jetzigen Form vorausgesetzt, das kreative Potential des Ortes durch gezielte Zusammenarbeit mit öffentlichen wie privaten Partnern nachhaltig weiter entwickelt werden? Wie können, im Fall eines Abrisses des Palasts, die gegenwärtig vorhandenen Möglichkeiten örtlicher Aneignung und temporärer Zwischennutzungen Eingang in eine neu zu errichtende Architektur finden?

Volkspalast – Der Berg. Zu besuchen noch bis einschließlich 26. August, Palast der Republik, Berlin. Weitere Informationen siehe Link

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, Kommentar

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Der Berliner Palast der Republik – nutzloses Stahlgerippe im Zentrum der Stadt oder Experimentierfeld für Konzepte eines zeitgenössischen öffentlichen Orts? Foto: Christoph Petras
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Der Berliner Palast der Republik – nutzloses Stahlgerippe im Zentrum der Stadt oder Experimentierfeld für Konzepte eines zeitgenössischen öffentlichen Orts? Foto: Christoph Petras
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Auf vier Routen – dem Rundwanderweg, dem Pilgerweg, dem Philosophen- und dem Bergsteigerweg – können die Besucher das Gebirge durchwandern. Foto: Wallmüller
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… oder „Ce n’est pas une montagne“: Ganz wissen wohl auch die Veranstalter nicht, was sie hier geschaffen haben. Foto: Wallmüller
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„Fruchtbares Land für Ideen und Visionen“ … Foto: Wallmüller
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Letzte Ehre für den Berliner Palast der Republik: Kurz vor seinem geplanten Abriss im Herbst 2005 wird in seinem Innerem ein Berg errichtet. Foto: Wallmüller

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