3. Architekturdialog zum Thema „Urbane Ländlichkeit“, Teil 2

Am 7. März 2006 fand im Literaturhaus Graz der 3. Architekturdialog als Teil des Ausstellungsprojektes ARCHITEKTUR LABORATORIUM STEIERMARK statt.

10/03/2006

Am 7. März 2006 fand im Literaturhaus Graz der 3. Architekturdialog als Teil des Ausstellungsprojektes ARCHITEKTUR LABORATORIUM STEIERMARK statt.

In diesem Rahmen waren die Architekten des ARCHITEKTUR LABORATORIUM STEIERMARK Volker Giencke, Wolfgang Feyferlik, Susanne Fritzer, Werner Nussmüller, Gernot Ritter, Transparadiso (Barbara Holub, Paul Rajakovics, Bernd Vlay), Michael Zinganel und die Gäste LR Dr. Kurt Flecker, Landeshauptmann-Stv., Mag. Rainer Rosegger, scan, Graz, Pater Karl Schauer, OSB (Superior von Mariazell), Mag. Christoph Schlick, ehem. Bauherrenvertreter Abtei Seckau, Werner Sewing, Architektursoziologe, Berlin und DI Günther Tischler, Regionalplanung Steiermark zum Gespräch eingeladen.

Gegenwärtige gesellschaftliche Veränderungen bewirken einen tiefgreifenden strukturellen Wandel des ländlichen Raumes. Nachdem das Architekturlaboratorium Steiermark Architektur in politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen diskutiert, handelten die Gespräche im Rahmen des 3. Architekturdialogs in erster Linie von spirituellen Zentren als Knotenpunkte vielschichtiger historischer Raumerschließung.

Mit der Darstellung des strukturellen Status quo der Steiermark aus Sicht der Regionalplanung ist Günther Tischler befasst. In den letzten zehn Jahren sind starke Abwanderungstendenzen aus den peripheren Gemeinden der Steiermark vor allem in den Umraum von Graz zu verzeichnen. Kommunalpolitisch bewirkt diese Tendenz die Einschränkung des finanziellen Spielraumes der schrumpfenden Gemeinden. Mit den Planungsregionen Leoben und Judenburg vergleichbare Situationen sind mit Beispielen des Kärntner Lesachtales oder des nördlichen Waldviertels zu vergleichen. Die Entleerungsphänomene sind verbunden mit deutlicher Überalterung der verbleibenden Bevölkerung und Abnahme der Zahl von Erwerbstätigen. Ursächliche Faktoren für die progressive Zersiedelung des ländlichen Raumes sind nach wie vor die Eigenheim-Förderung und die Pendlerpauschale. Das führt zu dem Schluss, dass urbane Ländlichkeit teuer ist, nachdem Infrastruktur auch unter solchen Bedingungen erhalten werden muss. Mobilität ist prinzipiell durch das eigene Auto gewährleistet, woraus sich eine durchschnittliche Fahrtstrecke jedes Steirers von 60 Kilometern pro Tag ergibt. In 160 steirischen Gemeinden gibt es keine Lebensmittel-Nahversorgung mehr, dagegen sind beispielsweise mit dem Kundenaufkommen des Shopping Centers Seiersberg 100 Millionen Autokilometer pro Jahr verbunden. Am Beispiel Schweiz sieht Günther Tischler ein zukünftig neu zu entwickelndes Konzept der Raumpolitik als Verbindung zwischen Raum- und Verkehrskonzepten: Siedlungsentwicklungen müssen an öffentliche Verkehrsträger angebunden werden.

Zum Kernthema der Veranstaltung, spirituelle Knotenpunkte einer überregionalen Vernetzung, gab der Berliner Architektursoziologe Werner Sewing eine Einführung zur historischen Funktion der Klöster. Die Kirche fungierte als historischer Mobilitätsträger nicht allein im Einzugsgebiet etwa der Klöster, vielmehr war und ist die Kirche universalistischer Mobilitätsfaktor für ganz Europa. Klöster waren Knotenpunkte eines überregionalen Kommunikations-Netzwerkes und als Land- und Forstwirtschafter ursächlich für die Erschließung des ländlichen Raumes verantwortlich.

Volker Giencke ist mit dem Ausbau des Nordtraktes für das Gymnasium der Abtei Seckau betraut. Ein ursprünglich umfassendes Konzept sei nur in Teilbereichen realisierbar, stellt Giencke fest. In der gegenwärtigen Informationsgesellschaft ist das Kloster keineswegs mehr ein Ort der Wissenschaft. Allerdings steht die Idee des Klosters immer noch für gelebte Gemeinschaft, die am Beispiel des kleinen Konvents Seckau für die Situation einer kleinen Stadt in einem kleinen Dorf steht. Seine Arbeit in Verbindung mit der Abteiverwaltung bezeichnet er als „Tragen von Kultur in die Landschaft“.

Seit 13 Jahren sind Wolfgang Feyferlik und Susanne Fritzer mit Restaurierung der Basilika, dem Bau des Geistlichen Hauses im Wallfahrtsort Mariazell beschäftigt. Ob die Arbeiten zum 850-Jahre-Jubiläum der ältesten Pilgerstätte Österreichs im nächsten Jahr abgeschlossen sein werden, fragte die Organisatorin und Moderatorin der Architekturdialoge, Charlotte Pöchhacker. Einen Abschluss dementierte Feyferlik gleich und holte zur Genese des Auftrags in Zusammenarbeit mit Superior Pater Karl Schauer aus. Feyferlik hatte das Projekt Mariazell 1993 von Hubert Rieß übernommen. Das Geistliche Haus, eine Dependance des Stiftes St. Lambrecht, versteht Feyferlik als Initialobjekt für architektonische und Raumgestaltung in Mariazell, das seit dem Fall des Eisernen Vorhangs einen immens gesteigerten Pilgerstrom erfährt und dem sich der Ort unter nicht anders als touristischen Aspekten widmen muss. Dazu kommt eine wirtschaftliche Situation, nach der das Umland aus der Verwaltung der Bundesforste in die des Stiftes St. Lambrecht retourniert wurde. Das Geistliche Haus entwickelte sich aus dem Lobbying für seine Finanzierung zu einem Veranstaltungszentrum dreier Gemeinden, der inzwischen so genannten Mariazeller Akademie. In der 15jährigen Bauzeit, bedingt durch das Aufbringen finanzieller Mittel und Phasenplanung, sieht Feyferlik eine gleichzeitig sich entwickelnde und gesicherte Nachhaltigkeit, die in vergleichsweise nur fünfjähriger Bauzeit und angesichts der künftigen Anforderungen nicht zustande gekommen wäre. So sieht man dem Besucher- und Pilgeraufkommen zu den Jubiläumsfeiern des nächsten Jahres zuversichtlich entgegen.

Im profanen Bereich ähnlichen Anforderungen gegenübergestellt sieht sich Gernot Ritter, wenngleich die erforderlichen Geschwindigkeiten andere sind: Es gilt, so Ritter, mit dem Projekt Planai Zielstadion „8000 Menschen in drei Stunden auf den Berg zu karren“ und das sei eine „extrem urbane Aufgabenstellung“. Menschenmassen seien hier zu kanalisieren und zu leiten.

Diese „Auffüllung und Entleerung“ sei jedoch, widerspricht Michael Zinganel, kein spezifisch urbanes Phänomen. Mit dem Soziologen Henri Lefèbvre (1905-1991) ist Urbanität nicht mit Bevölkerungsdichte oder architektonischer Erscheinung in Verbindung zu bringen, vielmehr sind dafür differente Lebensmodelle und –Haltungen am selben Ort maßgebend. Dem entspricht allerdings die Struktur von Tourismusorten, die extrem unterschiedliche Lebensformen „aushalten“ müssen, darunter jene von Touristen, Zweithausbesitzern, Saisonarbeitern, Unternehmern und eine besondere Spezies von „Einwohnern“, die ihre Existenz nicht über den Tourismus bestreitet und zu Arbeitsplätzen pendelt. Die letzte Gruppe umfasst im Tiroler Ötztal knapp über 50 Prozent der Bevölkerung. Zinganel untersuchte Phänomene des alpinen Tourismus am Beispiel Söldens, das um 15000 Gäste jährlich wächst und wieder schrumpft - im Winter große Bühne, im Sommer „eine eher kontemplative Selbstfindungs-Destination“.

Ein Resümee über diesen dritten Architekturdialog zu ziehen fällt nicht leicht. Dem interessierten Laien jedenfalls entsteht der Eindruck, eine dem Architekturlaboratorium angemessene Verbindung zwischen projektspezifischen Problemen wie dem Bau des Gymnasiums in Seckau oder - im zweiten Architekturdialog (GAT berichtete) - Klaus Kadas Krankenhaus in Hartberg, sei über die Analyse der Auswirkungen auf den umgebenden ländlichen oder gesellschaftlichen Raum herzustellen. Von den Architekten, die mit der Realisierung ihrer Architektur im Übereinkommen mit den Bauherrn beschäftigt sind, kann man diese Analyse nicht einfordern. Ob sie aus dem auf zwei Jahre angelegten Architekturlaboratorium hervorgehen wird, bleibt abzuwarten.

> VORSCHAU

Der 4. Architekturdialog "Architektur an der Schnittstelle zur Kunst" findet

am Donnerstag, den 4. Mai 2006 statt.

Weitere Informationen dazu demnächst auf GAT oder unter www.artimage.at.

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Bericht

Weiterführende Links

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3. Architekturdialog „Urbane Ländlichkeit / Teil 2“ im Rahmen des internationalen Ausstellungsprojektes ARCHITEKTUR LABORATORIUM STEIERMARK

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