Die große Zeit für umfassende städtebauliche Wettbewerbe liegt in Graz schon einige Zeit zurück. Die Entscheidung von Grundsatzfragen der Stadtentwicklung und des Städtebaus wurden von der [...] örtlichen Raumplanung übernommen. Dies bedeutet aber, daß städtebauliche Entscheidungen nicht mehr in einem Prozeß des Abwägens alternativer Vorschläge, sondern in vorgeschalteten bürokratischen oder formalrechtlichen Verfahrensläufen vollzogen werden. Diese Umkehr bewirkt, daß von Grund auf unterschiedliche Konzepte den Kreis intellektueller Stammtischrunden nicht verlassen und eine offizielle Diskussionsebene gar nicht erreichen können. Städtebauliche Ideenwettbewerbe unter den fixen Vorgaben der örtlichen Raumordnung gleichen also Vögeln mit gestutzten Flügeln. Ohne bindende Festlegungen hingegen kann es aber geschehen, daß sich wunderbare Flugapparate in die Lüfte heben und dabei die zu lösenden Probleme in den Niederungen der Realität zurücklassen.[...]
1993 Entwicklungsschwerpunkt Graz-Südost
Einstufiger, anonymer, städtebaulicher Wettbewerb
Daher sollte, ein wenig verspätet für ein 100-jähriges Jubiläum der ersten städtebaulichen "Grazer Ideen-Concurrenz", die Tradition des echten städtebaulichen Wettbewerbs wieder aufgenommen werden. Die prinzipielle und seit Jahrzehnten latente Frage der Erweiterung des Stadtzentrums nach Süden oder die Eröffnung einer neuen von einem Punkt ausgehenden Urbanisierungszone in diesem Bereich bot den gerechtfertigten Anlass hierfür. Basierend auf einer Enquete zum Entwicklungsschwerpunkt Graz Süd-Ost wurde im Juli 1993 ein Ideenwettbewerb gestartet mit dem Ziel, diesen Stadtteil - seine R>olle, seine Inhalte, seine Funktionen - nicht nur neu zu definieren und zu konzipieren, sondern ihn zusammen mit Bürgern, ansässigen Wirtschaftstreibenden und Investoren auch entsprechend dem erarbeiteten Konzept zu gestalten.
Hansjörg Luser, Neue Chancen für die Stadtentwicklung, in: stadtarchitektur architekturstadt, Architektur und Stadtentwicklung 1986 - 1997, Magistrat Graz, Amt für Stadtentwicklung und Stadterhaltung, Graz, o.J., S 205Die Stadt Graz, hier vertreten durch das Amt für Stadtentwicklung und Stadterhaltung, wollte mit diesem einstufigen, anonymen, städtebaulichen Wettbewerb Entwürfe für die Neustrukturierung eines im Süden an das Stadtzentrum anschließenden, unterschiedlich intensiv bebauten Stadtteils erlangen, in dessen Kernzone die Grazer Messe International liegt. Das gesamte Planungsgebiet umfaßt ca. 250 ha, für welches ein auf den Zeithorizont von ca. 15 Jahren ausgerichtetes Entwicklungskonzept erstellt werden soll. Für das eingehender zu bearbeitende, engere Planungsgebiet von ca. 90 ha waren aus der langfristigen Perspektive Vorschläge für die baulich-räumliche Gestaltung und kurzfristig umsetzbare Realisierungsimpulse zu entwickeln. Das Ergebnis des Wettbewerbs wird u.a. die Grundlage für die Erstellung eines Stadtteilkonzeptes bilden. Bei dem Ideenwettbewerb konnten sich aus dem benachbarten Ausland (Slowenien, Kroatien, Ungarn, Friaul) maximal je drei Büros zu denselben Bedingungen wie die österreichischen Teilnehmer beteiligen. Es wurden 26 Projekte eingereicht, über deren Reihung die 8-köpfige Jury unter Vorsitz von Arch. Dipl. Ing. Ernst Hoffmann im Oktober 1994 entschied.
Hansjörg Luser, Entwicklungsschwerpunkt Graz-Südost, in: stadtarchitektur architekturstadt, Architektur und Stadtentwicklung 1986 - 1997, Magistrat Graz, Amt für Stadtentwicklung und Stadterhaltung, Graz, o.J., S 2061. Preis
Architektengemeinschaft Langenmantel Sacher
Das erweiterte Planungsgebiet ist strukturiert durch ein Netz von "Verbindungsspuren", das dieses in Zonen teilt. Im Bereich der Messe erfolgt eine Reduktion auf den baulich intensiv genutzten Teil. Durch die Anordnung einer multifunktionalen Halle in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße entsteht eine funktionale Bereicherung für die Messe und gleichzeitig eine bessere Vernetzung mit dem Gesamtraum. Der Bereich östlich der C.v.H.-Straße ist vornehmlich der Wohnnutzung vorbehalten. Zwischen dem Wohnbereich und der Münzgrabenstrasse liegt das "Tal der Erholung".
2. Preis Markus Pernthaler
Das Gesamtkonzept verbindet zwei miteinander wirkende und einander ergänzende Grundideen der Stadt, eine großstädtische und eine kleinstädtische, die ihrem räumlichen und zeitlichen Maßstab verschieden sind. [...] Die besondere Qualität des Projektes besteht in der Anpassungsfähigkeit einzelner Baukörper an lokale Verhältnisse und in der Wahlfreiheit der potentiellen Investoren.


