Die Konzeption zweier die beiden Murufer begleitenden innerstädtischen Hochleistungsstrassen im Generalverkehrsplan 1962 von Tendl-Köstenberger führte 1965 zum Abriß der murseitigen Häuser der Neutorgasse und zum Neubau der Hauptbrücke mit Unterführung des östlichen Brückenkopfes.
1967 wurde für das frei gewordene Grundstück ein Wettbewerb mit 3 Teilaufgaben ausgeschrieben:
- Städtebauliche Gestaltung der durch den Abbruch freigewordenen Fläche
- Gestaltungs- bzw. Sanierungsvorschlag der gegenüberliegenden Häuserzeile
- Gestaltung des Murufers zwischen Tegetthofbrücke und neuer Hauptbrücke
Es war den Projektanten völlige Freiheit in den Nutzungsfunktionen und Gestaltungsfaktoren (Freifläche, Grünfläche, Bebauung) gegeben; größtes Augenmerk war auf die städtebauliche Einfügung in Bezug auf die umliegenden Elemente (Kirche, Brücke) sowie auf die wirtschaftlichen Realisierungsmöglichkeiten zu legen.
Architektur Aktuell Heft 4/Dezember 67, S12 ff.
Kritische Betrachtung zum Wettbewerb
"Kälbernes Viertel"
Abwicklung und Ergebnis dieses Wettbewerbes erfordern in zweifacher Hinsicht kritische Betrachtung.
Zum Ersten hätte dieser Wettbewerb ausgeschrieben werden müssen, noch bevor die neue Hauptbrücke und die in ihrem Zusammenhang gebaute Unterführung errichtet wurden. Zu einer Zeit also, wo tatsächlich noch die Hoffnung auf eine echte Bewältigung dieses wohl schwierigsten Punktes im Schnittbereich der Sphären des nun auch schon nicht mehr ganz neuen Generalverkehrsplanes und einer sinnvollen Bedachtnahme auf das vertraute und erhaltenswürdige Grazer Stadtbild bestand.
Die Notwendigkeit zum Bau der Unterführung kann hier nicht diskutiert werden, jedoch schon damals erhobene Einwände betreffend die genaue Trassenführung und die gestalterische Seite dieses Vorhabens, unter anderem von Prof. Hubert Hoffmann vorgebracht und mit Alternativlösungen belegt, blieben ungeachtet. Nun kann aber auch das Verkehrsbauwerk, bei der Vielzahl der wirtschaftlich und konstruktiv möglichen Lösungen und vor allem mit Rücksicht auf einen so wesentlichen Eingriff in das Stadtbild nicht ausschließlich Seite des Technikers sein.
Das Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht naiver Dilletantismus und zeugt von der Hilfslosigkeit, mit der man hierzulande häufig städtebaulichen und gestalterischen Problemen (gemeint ist auch die Gestaltung aus der Konstruktion) beim Ingenieurs- und Verkehrsbau gegenübersteht. Als Gegenbeispiel sei hier die vorbildliche Konstruktion der Arno-Uferstrasse im Bereich der Altstadt von Florenz angeführt.
Mittlerweile wurde man auch an verantwortlicher Stelle des besagten Unvermögens inne und begibt sich nun auf die Suche nach ein paar Anregungen zur, wohl nur mehr auf "kosmetischem" Wege möglichen "Gestaltung" des Murufers.
Aber gerade hier konnte freilich keiner der Wettbewerbsteilnehmer wirklich wesentliche oder sinnvolle Vorschläge bieten, wenn man von einigen, weit über die tatsächlichen Möglichkeiten hinausgehenden Phantasien (mit Bootshäusern und Cafes direkt am Wasser) absieht: Allein, der Grazer, der vorher laut den Verlust jedes Baumes entlang des Murufers beklagte, hat sich allzuschnell an die nackte Böschungsmauer und das Gewirr von Eisengeländern über der Unterführung gewöhnt und hat auch allenthalben schon die an Stelle der abgerissenen Häusergruppe angelegte Gartenanlage ins Herz geschlossen, wie sich aus einer Flut von Zuschriften und Anrufen anläßlich der Ausstellung des Wettbewerbes an die Zuständigen in der Gemeindeverwaltung erkennen läßt.
[...]
Das "Kälberne Viertel" wäre somit, nach dem Schauspielhausumbau und der Bebauung am Tummelplatz die dritte bedeutsame Konzession an die "Bewahrung der Dachlandschaft" unter Hinnahme funktioneller Unzulänglichkeiten und in Verleugnung des geschichtlichen Auftrages und legitimen Anrechtes jeder Epoche auf Selbstdarstellung ihrer Gesellschaft im Bauwerk.
Sollte sich nun der erwünschte private "Bauträger" für ein Objekt an dieser Stelle finden, so bleibt nur zu hoffen, daß für die tatsächliche Realisierung mit dieser Juryentscheidung noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.
Franz Cziharz, Kritische Betrachtung zum Wettbewerb "Kälbernes Viertel", in: Architektur Aktuell Heft 4/Dezember 67, S13 ff.









