11.07.2003 KLEINE ZEITUNG
Die Lust an der Spannung
Eine Personale zu Leben und Werk des Architekten Herwig Illmaier.
WALTER TITZ
Im August 2001 starb Herwig Illmaier im Meer vor der griechischen Insel Karpathos beim Versuch, einen Ertrinkenden zu retten. „An der Klippe“ heißt auch deswegen eine Retrospektive auf das architektonische Werk des 1957 in Eisenerz Geborenen, aber natürlich nicht nur. Das Motiv, so die Kuratorinnen Maria Welzig und Barbara Feller, finde man immer wieder. Direkt und metaphorisch.
Tatsächlich war Illmaier ein Planer, der die Herausforderung, das Risiko liebte, auch Orte mit „Kanten“. „Haus an der Klippe“ nannte er seine Diplomarbeit, an die Grenzen des statisch Machbaren trieb er das (nicht unumstrittene) Projekt des Grazer Augartenstegs, sein Wettbewerbsbeitrag für die Neugestaltung des Grazer Hauptplatzes bezog Spannung aus versenkbaren Ständen.
Illmaier war aber nicht nur ein Architekt, der den Grenzgang als Disziplin schätzte, sondern auch das Detail, einer, der Spannung nie als Selbstzweck zu realisieren versuchte, sondern stets im Einklang mit dem Umfeld. Sein Zubau zur Volksschule von St. Michael ist ein Musterbeispiel, die Erweiterung des Landeskrankenhauses Fürstenfeld ein anderes.
Die von plan 5 anregend gestaltete Schau im Grazer Haus der Architektur darf wirklich eine Personale genannt werden. Feller und Welzig beziehen nämlich auch den Menschen Illmaier massiv ein, um durch das Umfeld seine Arbeit plastisch zu machen. Fotos des passionierten Reisenden, zahlreiche Skizzen und eine auch akustisch aktivierbare Wand mit den Covers von Illmaiers Lieblingsplatten und -CDs gehen mit Plänen, Modellen und Fotos (größtenteils Arbeiten von Illmaiers „Haus“-Fotograf Paul Ott) eine lebendige Symbiose ein. Ein eigens gedrehtes Video führt in der Benutzerperspektive durch etliche Bauten.
Nicht zuletzt entstand eine exzellente Publikation, die Illmaiers Arbeit in Wort und Bild dokumentiert. Mit einer Fülle von Statements von Lehrern, Kollegen und Freunden ist sie aber auch ein Porträt des Architekturbiotops Graz mit seiner Spezialität der Zeichensäle. Ein Phänomen übrigens, dessen aktuellen Aspekten das überaus lesenswerte neue Buch „open:24h“ nachgeht und das Herwig Illmaier gewiss gefallen hätte.